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Nachbarschaftsspaziergang: Erster Jane‘s Walk in Bielefeld

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Nachbarschaftsspaziergang: Erster Jane‘s Walk in Bielefeld

Von Simone Pomikalek

Am ersten Mai-Samstag 2019 startete der erste Jane‘s Walk in Bielefeld. Dies ist ein ehrenamtliches Projekt von Menschen eines Stadtteils für Nachbarn oder Menschen, die sich für die bürgerlichen Aktivitäten in diesem Stadtteil interessieren.

Lesedauer: etwa 9 Minuten

Den Auftakt macht der Bielefelder Westen mit einem knapp zweistündigen Spaziergang. Bei unbeständigem Wetter fanden sich knapp dreißig Interessierte an der Autokulturwerkstatt ein.

Gespräche von Mensch zu Mensch über Orte und Vorgänge im eigenen Stadtteil: Das ist das Ziel dieses ersten Nachbarschaftsspaziergangs.

Fotos: Aleksandra Marunic

Wie es begann…

Die Organisatorin Sabine hatte die Idee für einen Stadtspaziergang, inspiriert von dem Jane‘s Walk. Es sollte keine Führung im bekannten Format sein, wo ein Historiker über die Stadt erzählt, sondern einfach geleitet von einem Menschen, der über seine Stadt erzählt.

Von Mensch zu Mensch

Sabine überlegte, wie sie das Projekt angehen könnte und sprach dafür Cynthia Krill an, die schon das Stadtspaziergangsprojekt „Bielefelder City Walks“ von 2016 bis 2018 geleitet hatte.

Außerdem holte sie Elke Werneburg mit an Bord, die Leiterin der Autokulturwerkstatt, die vorschlug, den Spaziergang dort zu starten. Der Titel des Walks könnte heißen „Wo Frauen gerne hingehen“, so überlegten sie gemeinsam. Denn sie wollten Orte zeigen, die ihnen besonders gefallen. „Wir wissen zwar nicht, ob alle Frauen gerne an diese Orte gehen, aber wir wissen zumindest, dass wir zwei dort hingehen“, so Initiatorin Sabine.

Die Inspiration: Die Stadtspaziergänge sind benannt nach der amerikanischen Stadt- und Architekturkritikerin Jane Jacobs (04.05.1916-25.04.2006). Jährlich finden weltweit Spaziergänge am ersten Maiwochenende statt, das mit ihrem Geburtstag zusammenfällt. Die Jane’s Walks sind kostenlos und organisiert von Ehrenamtlichen. Im Jahr 2014 haben über 40.000 Menschen in 134 Städten über sechs Kontinente an einem Jane’s Walk teilgenommen. Die verstorbene Aktivistin und Inspiration Jane Jacobs wäre an diesem Tag 103 Jahre alt geworden. (Quelle: Janeswalk.org; wikipedia.org)


Sabine erzählte, wie sie 2007 als Studentin in den Bielefelder Westen gekommen ist. Die Teilnehmer des Walks stammten teilweise aus dieser Ecke, es waren aber auch Interessierte aus anderen Stadtteilen oder gar anderen Städten dabei. Es versammelten sich vor allem Frauen – aber nicht nur – auch Kinder und ein Hund. Während des Walks gab es immer wieder Impulse für Gespräche innerhalb der Gruppe.

Anfang des Jane’s Walks

Es startete an der Autokulturwerkstatt. Dort fand eine Ausstellung von Angiola Bonanni statt, einer spanischen Künstlerin aus Madrid.

Die Autokulturwerkstatt mit der dazugehörigen Treppenhausgalerie und der Ausstellung „My own private Facebook“ war zugleich die erste Station der Tour.

Der Name „Autokulturwerkstatt“ ist in ihren Anfängen als Veranstaltungsort gewählt worden, weil es eine autonome Kultur gibt – und eine ehemalige Autowerkstatt ist. Es geht hauptsächlich um Kunst, Handwerk, den Ausstellungsraum im Treppenhaus. Für die vielen verschiedenen Veranstaltungen, die dort regelmäßig stattfinden, verwies Elke auf die Internetseite der Autokulturwerkstatt, kurz Akw (siehe Links).

Elke wohnt seit mehr als dreißig Jahre schon in der Akw, ursprünglich eine Wohngemeinschaft, nun eine Hausgemeinschaft. „Eine Mischung aus freier Kulturszene und Wohnen“, so Elke Werneburg.

Die Künstlerin Angiola Bonanni (Angela ausgesprochen) lud persönlich zur Ausstellung im Treppenhaus ein. „My own private Facebook“ ist ihre erste Ausstellung in der Akw. Interessiert begleitete sie uns beim Citywalk.

Nach einem kleinen Spaziergang kam der erste Haltepunkt des Citywalks: Kunst an den Pfeilern unterhalb der OWD-Brücke. Die Künstlerin Susana Bendek war anwesend und erzählte über die Reaktionen auf ihr Werk. Sie hat indigene Menschen dargestellt, die eine entblößte Brust zeigen und Gesichter mit markanten Nasen, die an ein männliches Geschlechtsmerkmal erinnern. Nach der Fertigstellung des Werks, das den Brückenpfeiler umschließt, wurde die entblößte Brust mit dunkler Farbe bedeckt. Es ist nicht bekannt, wer diese Darstellung verdecken wollte. Lustig daran ist, dass die phallusähnlichen Nasen keine Zensur bekommen haben.

Informationen zur Künstlerin: www.suebendek.com

In der Nähe befindet sich auch das Bielefelder Taubenhaus. Ein Wohnwagen wurde zur Unterkunft für Bielefelds Tauben umfunktioniert. Dort kümmern sich ehrenamtliche Tierschützer mit Unterstützung der Stadt, Veterinäramt und Tierschutzverein um die tierischen Bewohner.

Superlativ: „Erste Bücherklappe Deutschlands“

Großes Interesse erzeugte die Recyclingbörse, zu der auch die „erste Bücherklappe Deutschlands“ gehört. Hier könne man günstige Fundstücke ergattern, war der Tipp für die modebewussten Spaziergänger.

Auf dem Streifzug durch den Bielefelder Westen ging es am Näh- und Repair-Café H62 und „Traute Muse“ vorbei in Richtung Siegfriedsplatz. Dort gab es einiges zu entdecken. Zunächst die Bürgerwache, die einer großen Anzahl an Gruppen Raum für ehrenamtliche Arbeit gibt. Auch der benachbarte Kiosk beschäftigt Mitarbeiter im Rahmen eines Arbeitsprojekts. Dort konnten wir Kirsten Künsebeck kennenlernen, die dort arbeitet und ebenfalls im Westen ansässig ist.

Eine weitere Station des Spaziergangs ist Bielefelds erster Unverpackt-Laden Losgelöst, der sich an der Ecke des Siegfriedsplatzes befindet. Einige Teilnehmer des Spazierganges waren bereits Kunde und erzählten von ihrem Einkaufserlebnis. Man müsse schon etwas Zeit mitbringen, meinte jemand, da man die Produkte selbst in mitgebrachte Behälter abfüllen müsse.

Der Weg führte uns weiter vorbei an einer wirklichen Institution des Bielefelder Westen, dem Bäcker „Pörschke“ an der Stapenhorststraße, der leider geschlossen war. Seit über 125 Jahren ist dies ein Anlaufpunkt im Bielefelder Westen für alle, die frisch gebackene Brötchen schätzen.

Ebenfalls kamen wir am Künstlerinnen-Forum vorbei, das das größte regionale und interdisziplinäre Netzwerk von Frauen in Kunst und Kulturberufen in NRW darstellt. Dies ist nicht nur interessant für Künstlerinnen, sondern auch für Kunstinteressierte, da regelmäßig Ausstellungen und andere Veranstaltungen stattfinden.

Als nächster Superlativ konnten wir eines der letzten funktionstüchtigen Wasserwerke in Bielefeld entdecken. Es wurde im Jahr 1906 erbaut, ist begehbar und gehört der Stadt Bielefeld. Der Zugang ist alles andere als offensichtlich und es könnte auch als einer von „Bielefelds geheimen Orte“ bezeichnet werden.

Auf der Schlosshofstraße angekommen, besichtigten wir das „Urban Gardening“-Projekt von „Transition Town Bielefeld“, eigentlich eine Schrebergartenanlage, wo regelmäßig Aktionen zum Thema „Nachhaltiges Leben“ stattfinden.

Zum Schluss…

Für das leibliche Wohl war zum Abschluss im ehemaligen Schlosshof in der „Finca Barcelona“ gesorgt, dazu gab es Informationen zum geschichtlichen Hintergrund des historischen Gebäudes. Wir erfuhren, was viele Bielefelder nicht wissen, bevor uns die Gunst des Wetters verließ: Dort befand sich während des Nationalsozialismus ein Zwangsarbeitslager für Juden und Jüdinnen. Von hier aus wurden Menschen deportiert und umgebracht. Vor diesem dunklen Teil seiner Geschichte war der Schlosshof ein Gasthof gewesen. In dieser bestehenden Struktur mit der „Barcelona“ konnte er nur dank des aktiven „Aktionsbündnis Schlosshof“ erhalten werden, welches sich für die Erhaltung des historischen Gebäudes eingesetzt hat. Sie erzielten 2011 eine Einigung mit dem Investor der Celona Gastro GmbH.

    Alle Stationen im Überblick:
  • Autokulturwerkstatt
  • Treppenhausgalerie
  • Kunst an den Pfeilern unterhalb der OWD-Brücke
  • Taubenhaus
  • Recyclingbörse
  • Näh- und Repair-Café H62
  • Traute Muse
  • Bürgerwache am Siggi
  • Widerspruch-eV
  • Kiosk am Siggi
  • Bielefelds erster Unverpackt Laden: Losgelöst
  • Bäcker Pörschke
  • Künstlerinnen Forum: Lesen gegen das Vergessen
  • Altes Wasserwerk
  • Gemeinschaftsprojekt Grabeland
  • Der alte Schlosshof bzw. Finca Barcelona

Weitere Spaziergänge sind in Planung. Da die Spaziergänge ehrenamtlich organisiert werden, steht und fällt alles mit dem bürgerlichen Engagement. Wer einen Jane’s Walk in seinem Stadtteil mit organisieren, unterstützen oder begleiten möchte, kann sich gerne bei der Organisatorin melden unter der Email-Adresse zu der Veranstaltung: janeswalks_bielefeld@posteo.de.

Aktueller Termin: 26.10.19 Jane’s Walk in Bielefeld

Weitere Informationen / Links:

https://janeswalk.org/germany/bielefeld/
https://www.instagram.com/janeswalksbielefeld/ janeswalks_bielefeld@posteo.de
https://www.auto-kultur-werkstatt.de/programm/
www.suebendek.com
www.bi-buergerwache.de
https://www.facebook.com/pages/Bäcker-Pörschke-Stapenhorststraße-Bielefeld/659406750748572
http://kuenstlerinnenforum-bi-owl.de/index.php
http://www.ttbielefeld.de/themengruppe_garten?page=3

Weitere Informationen zur Geschichte des Schlosshofs sind nachzulesen im Buch „Der Schloßhof; Gutshof, Gasthaus, Jüdisches Lager“, bestellbar beim tpk-Verlag.