Barbara Marie-Christin Bringmann Kreis 74 e.V. Bielefeld
Zusammen leben

„Mit Kriminalität sollte man sich beschäftigen und nicht einfach ignorieren“

Interview

„Mit Kriminalität sollte man sich beschäftigen und nicht einfach ignorieren“

Ein Ehrenamt mit Straffälligen findet in der Gesellschaft eher wenig Beachtung. Warum sich dieses Ehrenamt trotzdem lohnt, erzählt Barbara Marie-Christin Bringmann vom Kreis 74 e.V.

Von Jana Heptner

Barbara Marie-Christin Bringmann, 30, studiert Erziehungswissenschaft und Rechtswissenschaft an der Universität Bielefeld. Sie ist seit November 2017 Ehrenamtlerin beim Kreis 74 e.V. (Foto: Barbara Marie-Christin Bringmann)

Jana Heptner: Du bist Ehrenamtlerin beim Kreis 74. Was macht man denn beim Kreis 74 im Ehrenamt?

Barbara Marie-Christin Bringmann: Im Ehrenamt passieren ganz unterschiedliche Dinge. Man kann zum Beispiel Briefkontakte mit Inhaftierten führen. Es gibt auch begleitete Ausgänge. Das machen keine Beamte der JVA, sondern in der Regel Familienangehörige und Freunde. Es gibt aber genügend Inhaftierte, deren Familien weit weg wohnen oder die keinen Kontakt mehr zu ihnen haben. Dann springen wir Ehrenamtlichen ein. Wir machen dann kleine Ausflüge wie in den Tierpark nach Olderdissen oder gehen ein Eis essen, einfach eine Alternative zum Haftalltag. Es gibt auch Gruppenausgänge der Inhaftierten, in denen dann zum Beispiel die Kunsthalle besucht wird. Oder wir bieten einen Kochkurs oder Sportkurse an. Dann gibt es die Einzelbetreuung von Inhaftierten, die gerne jemanden hätten, der sie in Haft besucht. Wir Ehrenamtlichen entscheiden selbst, wie oft wir die Person besuchen, ob jede Woche oder auch nur alle drei Wochen.

Der Kreis 74 e.V. ist die freie Straffälligenhilfe in Bielefeld. Der Verein wurde 1974 gegründet, um gegen Defizite im Strafvollzug aktiv zu werden. Kreis 74 betreut unterschiedliche Projekte. „Die Brücke“ ist ein Projekt, das zum Beispiel Vermittlung in Sozialstunden inklusive pädagogischer Begleitung leistet. Im Wohnprojekt können Inhaftierte, die entlassen wurden und noch keine Wohnung haben, untergebracht werden. Zudem steht den Straffälligen und deren Angehörigen eine Beratungsstelle des Kreis 74 zur Verfügung. Außerdem bietet Kreis 74 auch soziale Trainingskurse für Jugendliche an. Ein ganz großer Teil des Vereins ist mit 123 Engagierten das Ehrenamt.

Welche von diesen Tätigkeiten macht dir denn am meisten Spaß an deinem Ehrenamt? Was motiviert dich dazu?

Bringmann: Mir macht alles, was ich mache, Spaß. Das Ehrenamt ist für mich eine echte Herzensangelegenheit. Besonders schön fand ich den Besuch in einer Schule, wo wir von unserer Arbeit erzählen konnten. Aber ich schätze auch meine Briefkontakte sehr, die geben mir viel Positives zurück. Ein Briefkontakt hat mir zum Beispiel in einer sehr stressigen Zeit durch seine Worte sehr geholfen, das hat mein Umfeld nicht so gut geschafft.

Das Ehrenamt ist für dich zwar eine Herzensangelegenheit, aber was siehst du als Herausforderung an deiner Arbeit?

Bringmann: Dieses Ehrenamt ist nicht mit viel Prestige verbunden. Eine sehr hohe Frustrationstoleranz braucht es auch. Darüber muss man sich im Klaren sein, wenn man dabei mitmacht. Es kommt vor, dass ein Kontakt abbricht oder die Inhaftierten sich nicht leicht öffnen. Es ist auch nicht immer leicht, mit den Reaktionen der Gesellschaft umgehen zu können, die nicht immer positiv und freundlich ausfallen.

Aber du hast dich dennoch für den Kreis 74 als Verein für dein Ehrenamt entschieden…

Bringmann: Als ich nach Bielefeld gezogen bin, wollte ich unbedingt was Ehrenamtliches machen und bin zur Freiwilligenagentur gegangen. Ich wollte gerne in der Beratung arbeiten. Dort hat man mir den Kreis 74 vorgeschlagen. Das passte nicht nur zu meinem Wunsch, sondern auch perfekt zu meiner Studienfächerkombination mit Erziehungswissenschaft und Jura.

Das Ehrenamt passt gut zu dir; wie motivierst du andere, auch dort mitzumachen?

Bringmann: Es ist einfach eine unglaublich wichtige Arbeit. Kriminalität ist ein Thema, das zu jeder Gesellschaft dazugehört. Daher müssen wir uns damit beschäftigen und nicht einfach ignorieren. Wir geben Inhaftierten die Möglichkeit mit jemanden zu reden, der nicht aus dem Justizsystem stammt. Der soziale Kontakt, den wir bieten, hilft dabei, dass die Insassen nicht den Anschluss an die Gesellschaft verlieren und sich daher nach ihrer Entlassung wieder besser eingliedern können. Wir bilden durch unsere Arbeit eine Brücke zwischen den Inhaftierten und der Gesellschaft und erleichtern ihnen den Wiedereinstieg ins Alltagsleben.

Wenn ihr mit eurer Arbeit den Inhaftierten bei der Resozialisierung helft, denkst du, dass die Haftstrafen, wie sie derzeit sind, ein gutes Mittel zur Resozialisierung darstellen, was ja das offizielle Ziel ist?

Bringmann: Haftstrafen bewirken vielmehr, dass ein Mensch mit einem Stigma durch sein Leben geht. Das Leben in einem Vollzug ist eine Fremdbestimmung und bietet keine Möglichkeit zur Selbstbestimmung. Das, was für uns alltäglich ist, wie Telefonieren, muss alles zuvor erfragt werden. Die Menschen sind dann nach ihrer Entlassung oft überfordert durch die ganzen Ansprüche, die an sie gestellt werden, weil sie damit größtenteils allein gelassen werden.

Wenn ich jetzt ebenfalls Inhaftierte unterstützen möchte, wie werde ich dann Ehrenamtler*in beim Kreis 74? Wie viel Zeit und welche Eigenschaften muss ich dafür mitbringen?

Bringmann: Eine gewisse Toleranz gegenüber den Inhaftierten ist nötig. Es wird aber vorab besprochen, welche Straftaten für einen selbst eine Grenze bilden. Die Zeit kann sich jeder selbst einteilen. Ein Briefkontakt zum Beispiel ist weniger zeitaufwendig als begleitete Ausgänge. Kontinuität ist wichtig, denn ein plötzlicher Abbruch des Kontaktes ist für beide Seiten nicht schön. Am besten einfach beim Kreis 74 anrufen oder eine E-Mail an unseren Ehrenamtskoordinator Torsten Niemeier schreiben.

Wer mehr darüber erfahren möchte, kann auf der Seite von Kreis 74 e.V. vorbeischauen.