Jugend Bildung

Der Stellenwert politischer Bildung an deutschen Schulen

Studie

Der Stellenwert politischer Bildung an deutschen Schulen

Bielefelder Forscher zeigen: NRW steht gut da, Bayern ist Schlusslicht

Bildung ist Ländersache. Was für Auswirkungen diese Regelung haben kann, zeigt die Studie Ranking Politische Bildung 2018″ der Bielefelder Sozialwissenschaftler Mahir Gökbudak und Prof. Dr. Reinhold Hedtke. Die Ergebnisse des Rankings zeigen deutlich den unterschiedlichen Stellenwert von politischer Bildung in den Schulen der Länder und lassen deutlich erkennen, in welchen Bundesländern Handlungsbedarf besteht.

Von Matthias Becker

Lesedauer: etwa 3 Minuten

Im „Ranking Politische Bildung 2018″ wird die Ausgeprägtheit des Leitfaches für politische Bildung in der Sekundarstufe I in den verschiedenen Ländern dokumentiert und miteinander verglichen. Neben der allgemeinen Untersuchung der politischen Bildung haben die Wissenschaftler in ihrer Studie zusätzlich die Vergleichsfächer „Geschichte“ und „Geografie“ betrachtet, um zum Ausdruck zu bringen, wie hoch der bildungspolitische Anspruch der Länder an die verschiedenen Schulfächer ist.

Um festzustellen, wie stark die Ausprägung der betrachteten Fächer ist, haben sich die Wissenschaftler die sogenannten Stundentafeln angeschaut. Die Stundentafeln werden von den Kultusministerien erstellt und legen fest, wie viele Stunden ein Schulfach pro Woche und wie viele Stunden insgesamt in einem Bildungsgang – in diesem Fall in der Sekundarstufe I – unterrichtet werden soll.

Bayern und Thüringen als Schlusslicht – Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen und Hessen stehen vorne

Die Unterschiede zwischen den Bundesländern sind groß. Der Median für politische Bildung in der Sekundarstufe I liegt bundesweit bei 2,2 Prozent – das ist in etwa eine halbe Schulstunde wöchentlich. Bayern landet mit 0,8 Prozent auf dem letzten Platz, knapp davor liegt Thüringen mit 1,3 Prozent. Schleswig-Holstein liegt mit 3,9 Prozent an der Spitze, kurz darauf folgen Nordrhein-Westfalen und Hessen mit jeweils 3,6 Prozent. Die Herausgeber der Studie kritisieren, dass aufgrund dieser Zahlen von einer bundesweiten Gleichwertigkeit des Rechts von Kindern und Jugendlichen auf politische Bildung in den Schulen keine Rede sein könne.

Auch die Unterschiede zwischen dem Leitfach der politischen Bildung und den Vergleichsfächern „Geografie“ und „Geschichte“ sind groß – sogar größer, als die Wissenschaftler vermutet haben: „Dass es eine so große quantitative Distanz zwischen dem Leitfach der politischen Bildung und Geschichte einerseits gibt, bis zu neunmal mehr Geschichte als Politik und bis zu achtmal mehr Geografie als Politik, das hat uns überrascht.“

„Ein vorgeschobenes Argument, um die Untätigkeit zu legitimieren“

Wie die Bielefelder Wissenschaftler in ihrer Studie feststellen, verteidigen sich gerade die Kultusministerien – bei denen die politische Bildung einen besonders niedrigen Schwellenwert hat – mit dem Argument, dass politische Bildung fächerübergreifend im Schulalltag stattfände. Reinhold Hedtke hält dieses Argument nicht für gänzlich falsch: politische Bildung könne eine Aufgabe aller Lehrkräfte und der Schule insgesamt sein, weil diese ja demokratische Denkweisen und Haltungen vermitteln sollte.

Aufgrund dessen jedoch die politische Bildung als Leitfach zu vernachlässigen, kritisiert er stark: „Man könnte ja, wenn das Argument wirklich gelten würde, sagen: In allen Schulfächern wird gelesen, gesprochen und geschrieben, also kürzen wir Deutsch auf zwei Stunden die Woche.“ Die meisten Bürger*innen würden die Kultusministerien für verrückt erklären, wenn sie ein solches Argument für das Fach „Deutsch“ benutzen würden, so Hedtke. Für ihn sei es demnach „ein vorgeschobenes Argument, um die Untätigkeit zu legitimieren.“

Politische Bildung braucht Kontinuität

Die Stundentafeln geben in der Regel vor, wie viele Stunden insgesamt in einem Bildungsgang unterrichtet werden sollen und bisweilen auch, wie diese auf die Jahrgangsstufen verteilt werden. Diese Verteilung fällt in den Bundesländern und den verschiedenen Schulformen unterschiedlich aus. An Gymnasien in Bayern wird zum Beispiel nur in der zehnten Klasse das Leitfach für politische Bildung „Politik und Gesellschaft“ unterrichtet. In den Bundesländern Bremen, Hessen, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein wird das jeweilige Leitfach ab der fünften Klasse kontinuierlich bis zur zehnten Klasse angeboten.

Für Reinhold Hedtke kommt es in diesem Zusammenhang vor allem auf zwei Dinge an: einen möglichst frühen Anfang der politischen Bildung in Schulen und dass der Unterricht kontinuierlich stattfindet. „Die Kinder und Jugendlichen brauchen Zeit, um ihre politischen Orientierungen zu entwickeln; um zu überlegen, was sind eigentlich meine Ziele – worauf kommt es mir an? Sie lernen zu verstehen, wie das politische System funktioniert“, so Hedtke. Aus diesem Grund sind für den Bielefelder Wissenschaftler vier Prozent für die politische Bildung in der Sekundarstufe I die „absolute Untergrenze“.

Bundesweite Mindeststandards für politische Bildung

Diese „absolute Untergrenze“ bundesweit zu erreichen sei notwendig, da die Ausbildung der demokratischen Bürger*innen der gesamten Republik in den Händen der Länder liege und es nicht sein könne, dass Länder wie Bayern, Thüringen, Berlin und Rheinland-Pfalz diese Aufgabe nicht wahrnehmen, während andere Länder dieser Aufgabe ordentlich nachkommen würden.

Die allgemeine Länderautonomie in Sachen Bildung jedoch aufzuheben und auf Bundesebene zu zentralisieren, sieht Hedtke eher kritisch. Er spricht sich jedoch für einen Mindeststandard der Politischen Bildung aus: Politische Bildung müsse durchgängig in allen Jahrgangsstufen in der Sekundarstufe I unterrichtet werden und mindestens vier Prozent des gesamten Stundenkontingents in den Stundentafeln einnehmen. Nur so könne bundesweit die Chancengleichheit von Kindern und Jugendlichen gewährleistet werden.