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Demokratie, Vielfalt, Toleranz: Ein Reiseführer

Essay

Demokratie, Vielfalt, Toleranz: Ein Reiseführer

Unterschiede akzeptieren oder tolerieren? Das Konzept der Toleranz wird häufig missverstanden. Das Zauberwort heißt Respekt.

Von Tobias Tönsfeuerborn

Foto: pixabay

Lesedauer: etwa 7 Minuten

In einer demokratischen, modernen Gesellschaft treffen immer wieder verschiedene Überzeugungen aufeinander. Das führt zu Uneinigkeit und Konflikten. Warum Uneinigkeit keine schlechte Sache ist und wie wir Konflikte um verschiedene Überzeugungen vermeiden können: Eine Reise durch die Welt der Toleranz.

1. Pluralität oder die Verschiedenheit der Dinge

Wer durch die moderne Gesellschaft zieht, dürfte sich eher früher als später mit der Verschiedenheit der Dinge in eben dieser Gesellschaft konfrontiert sehen. Dabei sind es vor allem die großen Dinge, deren Verschiedenheit immer wieder im Mittelpunkt gesellschaftlicher Diskussionen stehen. Es sind die Fragen nach dem richtigen Handeln, dem guten Leben und nach politischen oder religiösen Überzeugungen, die immer wieder verschieden beantwortet werden und so häufig zu Konflikten führen. Wer sich aber nur auf diese tiefgreifenden und kontroversen Unterschiede in der modernen Gesellschaft stürzt, übersieht die vielen kleinen Dinge, deren Verschiedenheit in den meisten Fällen vollkommen unkompliziert zu handhaben ist.

Wer in eine Bielefelder Stadtbahn steigt, erlebt viele kleine Dinge. Da sitzen oder stehen Menschen, die an unterschiedlichen Haltestellen ein- oder aussteigen, deren Reise an unterschiedlichen Punkten begonnen hat und auch endet. Zwar teilen sich einige Fahrgäste dieselbe Route, aber nur in äußerst seltenen Fällen befinden sich alle Menschen in der Stadtbahn auf demselben Weg. Auch hier herrscht also die Verschiedenheit der Dinge. Aber hier dürfte diese Verschiedenheit kaum einen Anlass dafür bieten, in Konflikte zu geraten. Wer in eine Bielefelder Stadtbahn steigt, hat meistens das Bedürfnis, den eigenen Weg zu gehen. Nicht aber andere davon zu überzeugen, sich dieser Route anzuschließen.

Wer in eine Bielefelder Stadtbahn steigt, ist also jedenfalls in dieser Hinsicht daran gewöhnt, mit der Verschiedenheit der Dinge auszukommen. Die Verschiedenheit der Reiserouten ist dabei natürlich nur ein kleines Beispiel, die Fahrgäste unterscheiden sich noch in vielen anderen Dingen. Sie sehen unterschiedlich aus, tragen unterschiedliche Kleidung, ihre Stimmen sind verschieden und ihre Gesprächsthemen sind es häufig auch. Sie haben unterschiedliche Interessen, unterschiedliche Lieblingsgerichte, hören verschiedene Musik und schauen verschiedene Filme. Wir nennen das Vielfalt oder Pluralität. Und diese Vielfalt oder Pluralität ist das, was die moderne Gesellschaft ausmacht.

Wenn man sich nun ein Szenario vorstellt ohne diese Vielfalt, die Pluralität und die Verschiedenheit der Dinge, so würde man eine einfältige Gesellschaft erleben. Das Gegenteil von Vielfalt ist Einfalt, das Gegenteil von Unterschied heißt Übereinstimmung. Wer unter diesen Voraussetzungen in eine Bielefelder Stadtbahn steigen würde, sähe vor allem sich selbst. Alle Fahrgäste hätten das gleiche Ziel, die gleiche Route. Sie trügen Uniformen, interessierten sich für die gleichen Dinge und sprächen mit identischen Stimmen über gleiche Themen. Und vor allem hätten sie allesamt das gleiche Problem: Es gäbe niemanden, um die Stadtbahn zu steuern, denn sie alle sind bloß Fahrgäste, die zwar alle dem gleichen Beruf nachgehen, der aber vermutlich eher nicht im Steuern einer Stadtbahn besteht.

Die Verschiedenheit der Dinge und damit auch die Pluralität in der modernen, demokratischen Gesellschaft ist notwendig. Ohne sie wäre das moderne Leben, wie wir es kennen, schlicht nicht umsetzbar. Es ist notwendig, dass verschiedene Menschen verschiedenen Interessen nachgehen und verschiedene Berufe ausüben. Trotzdem führt die Pluralität der modernen Gesellschaft auf anderen Gebieten immer wieder zu schwerwiegenden Reibereien und Konflikten, besonders wenn es um verschiedene Überzeugungen und Handlungen von Menschen geht.

2. Zusammenleben in der Pluralität

Wann immer es zu Konflikten um die Richtigkeit von unterschiedlichen Überzeugungen kommt, ist das Wort „Toleranz“ nicht weit. Streiten sich einzelne Personen oder gleich ganze Gruppen im Lichte der Pluralität, so erfolgt häufig der Ratschlag zu mehr Toleranz den jeweils anderen gegenüber. So werden verschiedene Religionsgemeinschaften zu mehr Toleranz einander gegenüber aufgefordert oder ein ehemaliger Bundespräsident verlangt mehr Toleranz im Umgang mit anderen politischen Überzeugungen. Was genau das aber eigentlich heißen soll, wird nur selten besprochen. Denn das Konzept der Toleranz ist ähnlich umkämpft wie die Debatten der modernen Gesellschaft, in denen immer wieder Toleranz gefordert wird.

Tolerant sein bedeutet in allererster Linie etwas zu akzeptieren, das man eigentlich ablehnt. Denn „Tolerieren“ kommt von „tolerare“ und das heißt „dulden“ oder „ertragen“. Toleranz ist demnach also ein bedingtes Hinnehmen von Dingen, die man eigentlich nicht hinnehmen will. Wird etwas toleriert, so ist damit gesagt, dass einerseits eine ablehnende Haltung demgegenüber besteht, es aber eben dennoch bedingt akzeptiert wird. Wer toleriert, steht also der Sache, die toleriert wird, ablehnend gegenüber. Ist diese Ablehnung nicht vorhanden, so kann man von Akzeptanz sprechen, nicht von Toleranz. Wer etwas nicht für zumindest fragwürdig hält, hat auch kein Problem damit, es zu ertragen.

Trotzdem wird das Konzept der Toleranz immer wieder in Fällen genutzt, in denen eigentlich gar nichts abgelehnt wird. Toleranz gilt als erstrebenswert. Und häufig werden deshalb Dinge toleriert, die eigentlich gar nicht toleriert werden müssen. Toleranz gilt als erstrebenswert und tugendhaft, weil es eine Überwindung darstellt, Dinge zu ertragen, die eigentlich abgelehnt werden. Aber auch, wenn eine Ablehnung gegenüber bestimmten Dingen vorliegt, ist die Toleranz nicht immer die richtige Forderung als Antwort auf diese Ablehnung. Wer andere aufgrund ihrer Herkunft ablehnt, sollte nicht aufgefordert werden, diesen Personen gegenüber tolerant zu sein, sondern dazu, die Ablehnung zu überwinden.

Neben der Ablehnung braucht, wer toleriert, schließlich jedoch auch einen Grund, weshalb die Sache, die da eigentlich abgelehnt wird, letzten Endes doch in der Toleranz akzeptiert wird. Wichtig hierbei ist, dass die Gründe der Akzeptanz auf einer anderen Ebene liegen müssen als die Gründe der Ablehnung. So stellt beispielsweise ein klassisches Dilemma keinen Fall von Toleranz dar, denn hier werden Gründe für verschiedene Alternativen auf der gleichen Ebene gegeneinander abgewogen. Betrachtet man die Abwägung von Ablehnung und Akzeptanz bei der Toleranz, so muss sich dort zuerst die Ablehnung ergeben, die dann aber auf einer anderen Ebene durch die Akzeptanz aufgewogen wird.

Dabei können die Motive der Akzeptanz, aus denen schließlich die Toleranz herrührt, ziemlich vielfältig sein und sind dementsprechend sehr umstritten. Sie reichen von machtpolitischen Überlegungen bis hin zum Respekt vor Andersdenkenden. So kann beispielsweise eine Person eine andere Person tolerieren, um Konflikte zu vermeiden und um Frieden zu sichern. Die Toleranz kann aber auch in der Achtung der ethischen Autonomie der anderen Person begründet liegen. Hier akzeptiert die tolerierende Person die abgelehnten Überzeugungen der anderen Person, weil sie respektiert, wie die abgelehnten Überzeugungen zustande gekommen sind. Sie sieht ihre eigenen Überzeugungen damit nicht als überlegen an.

3. Toleranz aus Respekt vor Andersdenkenden

Hier wird deutlich, dass besonders in der letzten Auffassung eine erstrebenswerte Toleranz liegt. Diesem Verständnis nach beruht Toleranz vor allem auf dem Wert der Gerechtigkeit und dem Bewusstsein dafür, dass andere genauso berechtigt sind, ihre eigenen Überzeugungen zu entwickeln. In der Praxis bedeutet das für das Toleranzgebot im Umgang mit der Verschiedenheit der Dinge also vor allem eins: nämlich Respekt vor eben dieser Verschiedenheit der Dinge und damit insbesondere Respekt vor der betroffenen Person und ihren Urteilen. Wer toleriert, respektiert, dass andere Personen oder Gruppen gute Gründe für Überzeugungen haben, die von den eigenen abweichen.

Aus diesem Respekt gegenüber anderen Überzeugungen und Ansichten ergeben sich für den praktischen Umgang mit der Verschiedenheit der Dinge einige Implikationen – sofern es sich tatsächlich um so verschiedene Dinge handelt, sodass Toleranz überhaupt nötig wird. Demnach gebietet es die Toleranz zum Beispiel, andere Meinungen zu ertragen, und zwar auch und vor allem dann, wenn sie den eigenen widersprechen. Wer für sich beansprucht, die eigene Meinung kundzutun, darf andere nicht daran hindern, das auch zu tun. Das gilt auch für das Umsetzen bestimmter Handlungen oder Lebenseinstellungen.

Das bedeutet nun aber natürlich nicht, dass keine Kritik mehr geäußert werden darf und dass andere Überzeugungen nicht mehr hinterfragt werden dürfen. Es macht viel mehr deutlich, dass alles hinterfragt und kritisiert werden kann. Auch die eigene Meinung. Und das muss man aushalten.

Der Respekt vor anderer Leute Überzeugungen gebietet darüber hinaus natürlich nicht, alle Überzeugungen, Handlungen oder Lebenseinstellungen zu tolerieren. Es gibt Dinge, die nicht toleriert werden dürfen, Toleranz hat Grenzen. Genauso, wie es Dinge gibt, die nicht toleriert werden können, weil die Ablehnung ihnen gegenüber zu schwach oder gar nicht vorhanden ist, gibt es Dinge, deren Ablehnung nicht durch Gründe der Akzeptanz aufgewogen werden kann. Werden elementare Grundwerte menschlichen Zusammenlebens infrage gestellt, so darf nicht mehr toleriert werden, so muss deutlich abgelehnt werden. Gleichzeitig darf auch nicht zur Toleranz aufgefordert werden, wer Ablehnung aufgrund derartig fragwürdiger Überzeugungen hegt.

Toleranz bedeutet also im Wesentlichen, die eigenen Überzeugungen, Handlungen oder Lebenseinstellungen nicht einfach zu verabsolutieren. Sie fordert, andere Überzeugungen zu respektieren und lädt damit zum Diskurs ein – zumindest solange diese Überzeugungen nicht gegen den Rahmen eines grundlegend anerkannten Wertegeflechts verstoßen. Dabei dürfte Toleranz in den meisten Fällen keine angenehme Angelegenheit sein – zu verschieden sind die Dinge, selbst wenn sie nicht aus dem Rahmen der elementaren Grundwerte fallen. Gerade deshalb ist Toleranz jedoch nötig in einer pluralen, demokratischen Gesellschaft. Natürlich kann Ertragen schmerzhaft sein. Echtes Ertragen ist aber mindestens genauso erstrebenswert.

Buchempfehlung

Toleranz ist ein viel diskutiertes Phänomen. Dem Philosophen Rainer Forst ist es gelungen, sich diesem Phänomen in seinem Buch „Toleranz im Konflikt“ (erschienen im Suhrkamp Verlag) anzunähern. Der Autor dieses Essays folgt dieser Annäherung.