Alarmtheater Bielefeld (Foto: Carola Kortfunke)
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Schauspiel, Tanz und ein Gefühl der Zugehörigkeit

Reportage

Schauspiel, Tanz und ein Gefühl der Zugehörigkeit

Besuch einer Wiederaufnahme-Probe des internationalen Jugendensembles des Alarmtheaters

Von Carola Kortfunke

Eine kleine Treppe führt hinauf zu den hohen Holztüren des Alarmtheaters in Bielefeld, in dem das internationale Jugendensemble die Wiederaufnahme von „Schutzschilde“ probt: Ein Ensemble aus jungen Darsteller*innen, die zum Teil aus Syrien oder dem Irak stammen und von dort geflohen sind, probt ein Stück über Jugendliche, die als menschliche Schutzschilder einen Krieg verhindern wollen.

  • Alarmtheater Bielefeld
    Bei der Probe der Standbilder tanzen immer wieder ein paar der Jugendlichen aus der Reihe. (Foto: Carola Kortfunke)

Lesedauer: etwa 8 Minuten

Es ist 2 Uhr mittags und extrem warm. Das Theater duftet nach Holzdielen und Sommer, die Sonne strahlt durch die weite Fensterfront im großen Saal. Vor der Bühne, die mit Requisiten und Stühlen bedeckt ist, haben die Leitenden des Theaters eine Arbeitsecke aufgebaut. In der Mitte des Raumes türmen sich Holzpaletten, andere liegen am Rand, vor der Eingangstür stehen große Kästen aus metallenen Stäben, der Boden ist mit Papierschnipseln bedeckt.

Dietlind Budde und Harald Otto Schmid haben beide eine Schauspielausbildung absolviert, führen das Haus seit 1993 – und auch Regie bei Schutzschilde. Hilfe haben sie dabei von Karoline Farina Bürger, einer jungen Kölnerin, die gern selbst soziokulturelles Theater machen möchte, wie sie es nennt. Hier hofft sie zu lernen. Barfuß sitzen die drei am Tisch, schauen sich auf Haralds Laptop die Aufzeichnung der Ablaufprobe vom Vortag an, analysieren und besprechen, welche Szenen es zu verbessern gilt und wie das wohl ginge.

Als erster Darsteller trudelt Mohammad ein, der heute aus gesundheitlichen Gründen nicht aktiv an den Proben teilnehmen kann. Trotzdem beginnt er damit, das Bühnenbild in der Mitte des Raumes aufzuräumen. Mit verschmitztem Lächeln erklärt er: „Eigentlich wollten wir gestern alles wieder auf null setzten, aber wir waren so kaputt vom Durchlauf, da haben wir es einfach liegen lassen.“ Das Bühnenbild auf null setzen – das bedeutet eine Menge Arbeit. Immerhin besteht es neben den vier Kästen aus 36 Paletten, die in spezieller Weise sortiert und aufgetürmt werden, sodass die Metallkästen von vorne kaum mehr sichtbar sind.

„Durch das Ensemble fühle ich mich in Bielefeld nicht mehr so fremd“

Mohammad ist bereits seit fünf Jahren Teil des internationalen Jugendensembles, fast genauso lange, wie er in Deutschland ist. Aus Syrien ist er alleine geflohen, ohne Familie, ohne Freunde: „Das war sehr schwierig für mich. Zum Glück ist meine Schwester vor zwei Jahren nachgekommen.“ Es waren auch die Einsamkeit und Fremdheit in einem neuen, unbekannten Land, die ihn zum Alarmtheater gebracht haben. Eine Betreuerin habe ihn damals auf das Angebot aufmerksam gemacht. Sie sagte: „Da gehst du auf die Bühne und tanzt einfach.“

Zu Beginn sei es vor allem Interesse an deutscher Kultur gewesen, das ihn hergebracht hätte, dann habe er die Liebe zum Schauspiel entdeckt. Unter den zehn Produktionen, an denen Mohammad mitgewirkt hat, war auch ein Duodrama. Um die neun Monate hätten sie daran gearbeitet. „Das war viel Text und ich brauchte quasi Privatunterricht wegen der Sprache“, erzählt er mit funkelnden Augen. Mittlerweile spricht Mohammad fast akzentfreies Deutsch – und will Schauspieler werden. Mit einigen aus dem Ensemble plant er, sich an Schauspielschulen zu bewerben. Am wichtigsten für ihn seien aber die Kontakte gewesen. „Mittlerweile kenne ich in Bielefeld fast immer jemanden, egal, wohin ich gehe“, erzählt er, „dadurch fühle ich mich nicht mehr so fremd.“

Nach und nach treffen die Ensemblemitglieder ein. Sie begrüßen sich mit innigen, liebevollen Umarmungen. Zwei Mädchen sitzen auf den Stühlen am Rand und unterhalten sich angeregt, lachen herzlich. Ein paar der Jungs räumen die Paletten auf, sortieren kaputte aus, andere fegen die Papierschnipsel zusammen. Dietlind und Harald sitzen konzentriert am Arbeitstisch, man hört sie leise, aber bestimmt diskutieren. Trotz – oder vielleicht gerade wegen – ihrer jahrelangen Zusammenarbeit scheint es Unstimmigkeiten zu geben.

Die Theaterarbeit hilft auch bei der schulischen und sozialen Entwicklung

Bei Schutzschilde stehen insgesamt sechs Jungen und sechs Mädchen zwischen 18 und 23 Jahren auf der Bühne. Sie gehen noch zur Schule oder haben diese, wie Mohammad, gerade abgeschlossen. Die meisten besuchen das Oberstufenkolleg. Dort sei man sehr kooperativ und verständnisvoll, wenn eine wichtige Probe oder eine Aufführung mit den Unterrichtszeiten in Konflikt komme, erzählt Dietlind. „Außerdem haben alle hier gute Noten. Erfahrungsgemäß hilft die Theaterarbeit den Jugendlichen auch bei ihren schulischen Leistungen und ihrer sozialen Entwicklung.“

Die Darstellerinnen sind alle gebürtige Deutsche. „Die Jungs sind fast alle sogenannte Geflüchtete“, erzählt Dietlind weiter, „Wobei, so wollen sie nicht mehr genannt werden, lieber Zugezogene oder wie war das nochmal, Mohammad?“ „Kanacken“, ruft er laut lachend, rudert dann aber zurück: „An sich stimmt es ja, wir sind Geflüchtete, aber auf die Dauer nervt es, darauf reduziert zu werden.“

Nach einer Weile des Getümmel ruft Harald die Gruppe zusammen: „Lasst Euch mal begrüßen!“ Vor dem Bühnenbild treffen sich alle in einem Kreis. Auch Harald und Dietlind umarmen jeden Einzelnen und begrüßen sich individuell und herzlich. Anschließend wird der Tagesplan und die aktuellen ‘Dienste‘ besprochen – jeder in der Gruppe muss nämlich regelmäßig gewisse Aufgaben erfüllen. Dazu gehören Kochen, Putzen und Aufbauen. „Heute müsst ihr auf jeden Fall noch durchwischen!“, sagt Dietlind streng und wirft einen ermahnenden Blick in die Runde.

Beim Aufbau wird gerannt, geklatscht und gesungen

Während Karoline die Musik aufdreht, macht sich das Ensemble wieder an die Arbeit. Die Jungs laufen durch den Saal, klatschen in die Hände, singen und tanzen beim Aufbau. Irgendwann fällt Mustafa, einem der Darsteller, fast eine Palette aus der Hand, als er sie oben auf dem Turm platzieren will. Ein allgemeiner Schreckenslaut geht durch den Raum. Immerhin ist das nicht ganz ungefährlich, die Paletten sind ziemlich schwer. Doch der Schreck ist schnell überwunden, der Turm mit Decken und anderen Utensilien abgedeckt, das Bühnenbild auf Anfang gesetzt. Dabei wird immer wieder in die Arbeitsmappen geschaut, der Aufbauplan gecheckt und einzelne Requisiten gesucht. Es wirkt etwas chaotisch, doch mit gegenseitiger Hilfe findet sich früher oder später alles.

Wieder ist es Dietlind, die ein Machtwort sprechen und die Gruppe in den Nebenraum zum Aufwärmen schicken muss. Mohammad sammelt alle einzeln ein. Im kleinen Raum, rechts vom großen Saal, stehen weitere Paletten, die mit einer Stange und einer Lichterkette geschmückt wie ein Boot aussehen und ebenfalls im Stück zum Einsatz kommen. Mohammad schließt sein Handy an die Boxen und die Titelmusik von Ziemlich beste Freunde ertönt. Mustafa kommt in den Raum gelaufen und macht einen Handstandüberschlag.

„…da habe ich gedacht: Das will ich auch!“

Nach einem kurzen Aufwärmspiel beginnt Karoline das Training. In verschiedenen Übungen lässt sie die Jugendlichen einzelne Stellen ihrer Körper anspannen und wieder lockerlassen, Körperwellen machen, sich im Liegestütz und Vierfüßlerstand halten. Im Grunde läuft das ab wie in einer klassischen Tanzstunde, nur etwas entspannter – mit Zwischenrufen, Witzen, aber auch Tipps und Hilfestellungen.

Eine der Darstellerinnen ist Ronja. Die 20-Jährige ist seit circa drei Jahren Mitglied im Ensemble. „2010 habe ich das erste Mal ein Stück im Alarmtheater gesehen und nur gedacht: „Das will ich auch!“, erzählt sie. Das Beste daran, Teil des Ensembles zu sein, ist für sie der Entwicklungsprozess, sowohl individuell, als auch in der Gruppe: „Es ist einfach spannend und faszinierend, was passiert, wenn Leute aus so verschiedenen Welten zusammentreffen.“

Im Gegensatz zu Mohammad sieht Ronja im Schauspiel aber keine berufliche Zukunft. „Die wenigsten Theater sind so frei wie dieses,“, erklärt sie. So sei das Ensemble oft an der Themenfindung für neue Stücke sowie deren Gestaltung beteiligt. Jeder Einzelne könne entscheiden, ob er hinter einer Produktion stehe und sich beteiligen wolle.

Durch den Nebenraum tönt laut „Mamma Mia“ von Abba. Die Mädels schlagen Räder, bevor Karoline damit beginnt, Polkaschritte zu proben. Aus einigen unzusammenhängenden Grundschritten bastelt die Gruppe einen groben Ablauf, der noch viel Raum für Improvisation lässt.

Der anstrengende Tag führt auch zu Spannungen

In kleineren Gruppen werden dann choreografierte Tänze geprobt. Man spürt langsam, dass die konzentrierte und intensive Zusammenarbeit, so fröhlich sie ist, auch an den Nerven und Energiereserven der Beteiligten zerrt. So muss Karoline den ein oder anderen mehrfach zur Ruhe ermahnen, bevor die Gruppe zur nächsten Übung kommt: den Standbildern.

Nun versucht das Ensemble verschiedene Schlagworte darzustellen. Dazu zählen Heimweh, Freundschaft und Pärchen. In einer Reihe steht die Gruppe vor dem Spiegel und versucht von einer in die andere Stimmung zu wechseln. Immer wieder albern einige lautstark herum, beschweren sich über die Anzahl der Wiederholungen. „Das macht echt keinen Spaß, wenn ich hier neben mir immer nur genervte öhh-Geräusche höre!“, ruft schließlich eins der Mädchen. Die Energie des Ensembles führt auch zu Unruhe, die enge Gruppenarbeit zu Spannungen. Dennoch rauft man sich zusammen, probt weiter.

Das Stück soll das Ensemble bis nach Brasilien führen

Schließlich muss das Stück bald sitzen. Neben einigen Aufführungen in Bielefeld wird Schutzschilde auch auf Straßentheaterfesten in Dortmund und Hagen gespielt, soll das Ensemble bis nach Brasilien bringen. Mit Theaterschaffenden dort pflegen Harald und Dietlind schon länger eine Kooperation. In São Paulo präsentieren die Jugendlichen ihr Stück und nehmen an Workshops teil. Einige von ihnen geben selbst welche. Die Finanzierung haben sie beim Land beantragt und auch bewilligt bekommen – bis auf die Flugkosten zumindest. Die fehlenden 7.500€ versuchen sie durch Spenden zusammen zu bekommen.

Endlich sammelt sich das Ensemble im großen Saal. Die Zickereien von eben scheinen sich in Luft aufgelöst zu haben. Mustafa, Ronja und Baraa setzten sich hintereinander, massieren und kraulen sich. Während Dietlind und Harald Anmerkungen und Tipps verteilen, geht ein allgemeines Magenknurren durch die Reihen – das Zeichen für Baraa, der heute Essensdienst hat, in die Küche zu verschwinden.

Gute Gespräche bei Falafeln und Fladenbrot

Die Küche ist eigentlich das Büro mit einer schmalen Küchenzeile, auf der Baraa Fladenbrot, Hummus, Falafeln und Salat aufgebaut hat. „Die hat meine Mutter gemacht“, erzählt Baraa stolz, als die anderen vom Essen schwärmen. Dazu gibt es private Gespräche, es werden Pläne für Brasilien gemacht: die Freizeit, die Zimmeraufteilung und Mohammads Angst vor dem Flug. „Keine Sorge, wir sind ja alle bei dir“, beruhigt ihn Ronja. Die lockere Atmosphäre wird von einem der Jungs mit den Worten „Lass mal bitte schneller anfangen, dann können wir auch schneller nach Hause!“ unterbrochen – etwas, dem die anderen natürlich nachkommen.

Ihre Schützlinge suchen die Leitenden des Ensembles sorgfältig aus, es gibt Castings und Einzelgespräche. Neben einem gewissen Talent für die Bühne, legen sie großen Wert auf Engagement. Dafür stehen den Jugendlichen verschiedenste Angebote zu Musik, Tanz oder auch Schreiben offen. „Wer hier sein möchte, der kann auch hier sein“, erklärt Dietlind. Diese Vielfalt spiegelt sich auch bei Schutzschilde wieder: Es wird gerappt, gesungen, getanzt.

Bei anderen Stücken wirken die Jugendlichen auch an Text und Inhalt mit. So hätten sie beispielsweise gemeinsam ein Stück entwickelt, bei dem es um die Deportation von jüdischen Kindern in der NS-Zeit ging. „Das hat gerade die Sicht unserer muslimischen Schützlinge nachhaltig verändert“, erinnert sich Dietlind.

Auch die Premierenfeier will geplant sein

Ein wichtiger Punkt in der Planung ist auch die Premierenfeier. „Seid ihr mit Bier einverstanden?“, fragt Karoline. Mohammads Antwort bringt alle zum Lachen: „Ich hasse Bier, aber bei Eierlikör wäre ich dabei!“ Es ist spät geworden, Zeit zum Putzen.

Während einige sich schnell ans Werk machen, nach Hause wollen, legen sich Ronja und ein paar andere gemütlich zueinander, sprechen über Privates und planen einen Kletterausflug für den probenfreien Tag. Nach und nach legen sich andere dazu. Es entsteht ein Menschenhaufen, der wie ein Bildnis für Nähe und Einheit der Gruppe im Raum steht. Genauso innig, wie sie sich begrüßten, verabschieden sich die Ensemblemitglieder voneinander und verlassen schließlich das Theater, der noch immer kräftig strahlenden Sonne entgegen.