Tamari mit ihrer Gastmutter Sabine und ihrer Gastschwester Gil im Garten (Foto: Aleksandra Marunic)
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„Ich habe Geschwister auf der ganzen Welt“

Interview

„Ich habe Geschwister auf der ganzen Welt“

AIESEC ist weltweit die größte Studentenorganisation. Auch in Bielefeld entstehen so internationale Gemeinschaften auf Zeit. Ein Besuch bei Familie Loose.

Von Aleksandra Marunic

AIESEC organisiert Auslandspraktika in sozialen Projekten und Unternehmen, zählt allein in Deutschland 1.800 Mitglieder an 42 universitären Standorten und ist in über 120 Ländern aktiv. Zudem kümmert sich die Organisation darum, ein Zuhause für die jungen Leute während ihres sechswöchigen Aufenthalts zu bekommen. Für die Gastfamilien bietet sich mit der Aufnahme eines zeitweiligen Familienmitglieds die Gelegenheit, ihren Alltag zu bereichern, in eine für sie fremde Kultur einzutauchen und lebenslange Freundschaften zu schließen. Diese Botschaft kam bei Familie Loose an, und so nahmen sie die Austauschschülerin Tamari aus Georgien bei sich auf. Ich sprach mit der Mutter der sechsköpfigen Familie, deren Tochter Gil und Tamari über das Abenteuer „Gastfamilie“.

Lesedauer: etwa 7 Minuten

AIESEC Tamari
Tamari mit ihrer Gastmutter Sabine und ihrer Gastschwester Gil im Garten (Foto: Aleksandra Marunic)

Aleksandra Marunic: Frau Loose, was war Ihre Motivation, eine Gastschülerin aufzunehmen?

Sabine Loose: Ich hatte schon Erfahrungen mit Austauschschülern, da auch meine Kinder jeweils ein Jahr im Ausland waren; das war gekoppelt an die Auflage, ebenfalls jemanden aufzunehmen. Insofern hab ich viereinhalb Jahre lang 13 Austauschschüler aus der ganzen Welt hier in unserer Familie gehabt.

13 Austauschschüler? Wie kommt man zu dieser beträchtlichen Zahl?

Sabine: Damals hatte ich nicht erwartet, dass meine anderen drei Kinder auch den Wunsch haben werden an dem Austauschprogramm teilzunehmen, aber dadurch, dass hier Austauschschüler bei uns in der Familie waren, war dann dieser Reiz der Geschwisterkinder irgendwie auch da.

Hat dieser Austausch Ihre Kinder geprägt?

Sabine: Auf jeden Fall. Aber diese waren auch nicht immer positiv. Die Erfahrungen die wir und auch meine Kinder gemacht haben, waren zum Teil auch ein bisschen schwierig, und Kim hatte zum Beispiel in Mexiko nicht immer eine tolle Zeit. Aber es waren Erfahrungen, die die Kinder total geprägt haben.

Gil Loose: Ich sehe das so: Ich habe Geschwister auf der ganzen Welt. Ich könnte in jedem Kontinent jemanden anrufen und würde herzlichst aufgenommen werden. Da ich die Jüngste in der Familie bin, habe ich durch meine Geschwister die verschiedensten Austauschschüler kennengelernt, mit denen ich zusammengewohnt und gemeinsam am Tisch gegessen habe. Es hat mein Leben komplett positiv bereichert. Ich habe verschiedene Sachen gelernt, und daran bin ich gewachsen und meine Persönlichkeit hat sich entwickelt – auch die Offenheit gegenüber anderen.

Haben sich daraus auch Freundschaften entwickelt?

Gil: Also, ich war eigentlich immer die kleine Schwester. Die meisten waren ja sieben bis zehn Jahre älter als ich.

Sabine: Jetzt bei diesem Austausch ist es etwas anderes, da beide gleichaltrig sind und gemeinsame Dinge unternehmen können. Ich halte mich im Hintergrund und organisiere. Wenn Tamari nur mit mir alleine zusammen wäre, wäre das etwas öde für sie, aber mit Gil zusammen ist das eine tolle Sache.

Wie kam es zu der Begegnung mit AIESEC?

Sabine: Es gab seitens AIESEC eine Anfrage bei der AWO, wo ich arbeite. In der Familie waren wir uns einig, wieder jemanden bei uns aufzunehmen. Es ist einfach immer eine Bereicherung für uns gewesen, internationale junge Menschen in der Familie zu haben, und dann haben wir entschieden. Und sechs Wochen ist ja nun auch nicht ein ganzes Jahr.

„Für Gil und mich war schnell klar, dass wir gerne Tamari bei uns aufnehmen würden“


Und wie fanden Tamari und Sie zusammen?

Sabine: Nach einem Telefonat kam AIESEC zu uns nach Hause, um uns alle kennenzulernen und wahrscheinlich auch zu sehen, ob wir deren Ansprüchen genügen. (lächelt) Dann haben sie uns etwa zehn Kurzbewerbungen mit Fotos gezeigt, junge Menschen aus der ganzen Welt. Für Gil und mich war schnell klar, dass wir gerne Tamari bei uns aufnehmen würden. Mein Mann ist Kameramann und Fotograf und ihm fiel dann auch gleich das professionelle Foto von ihr auf.

AIESEC Tamari Berlin
Tamari vor der Berliner Mauer (Foto: Tamari Shvelidze)

Wie war das für dich Tamari? Wie hast du Familie Loose kennengelernt? Konntest du dich auch gegen die Familie entscheiden?

Tamari Shvelidze: Ich habe mit AIESEC gesprochen und ein Familienfoto von Sabine bekommen. Ich hatte ein gutes Gefühl und dachte mir: Hier kann ich glücklich werden.

Habt Ihr die Austauschschüler*innen immer als Gäste gesehen oder als Familienmitglieder? Gil, das was du mir vorhin erzählt hattest, klingt für mich eher als wären sie ein Teil der Familie als eingeladene Besucher.

Gil: Gast auf keinen Fall. Das ist zu unpersönlich. Tamari nenne ich auch ‚meine Schwester‘. Wir lernen viel voneinander, entdecken die Sitten des jeweils anderen und passen uns gegenseitig an. Tamari hat auch schon des öfteren für uns gekocht.

Tamari, wie waren Deine Erfahrungen in Bielefeld bei Deiner Gastfamilie?

Tamari: Das war meine erste Austauscherfahrung, und ich wusste nicht, was mich erwarten würde. Ich war ein wenig nervös. Ich wusste nicht, wie diese Familie mit mir umgehen würde. Ich habe mich aber wie zu Hause gefühlt.

Es ist der Tag vor deiner Abreise. Sind die Wochen schnell für Dich vorbeigegangen? Hattest Du Heimweh?

Tamari: Sehr schnell. Heimweh hatte ich keins. Ich war ständig mit meinen Eltern in Kontakt, wir haben jeden Abend über Skype miteinander gesprochen.

Kannst Du etwas aus diesen Erfahrungen, die Du hier gesammelt hast, mit in Deine Heimat nehmen?

Tamari: Ich habe viel Verantwortung übernommen in meinem Projekt. Ich kann jetzt besser abschätzen, was ich kann und was nicht. Meine Stärken und Schwächen besser einschätzen. Ich weiß, woran ich arbeiten muss, wenn ich mich weiterentwickeln will.

Erzählst Du mir noch etwas über Dein Projekt, für das Du arbeitest?

Tamari: HOT ist ein Jugendzentrum der evangelischen Kirche. Kinder können dort nach der Schule hingehen und an verschiedenen Aktivitäten teilnehmen. Wir kochen auch gemeinsam. Ich war fast jeden Tag von 14 bis 19 Uhr dort. Donnerstags habe ich ein Sprachkurs an der Uni besucht. Das Wochenende war frei. Meine Freizeit habe ich auch viel mit Gil und ihren Freunden verbracht.

Wirst Du etwas vermissen, wenn Du Deutschland wieder verlässt?

Tamari: Ich denke, das Schwierigste in Georgien sind die öffentlichen Verkehrsmittel… Hier ist alles organisiert und bequem… das werde ich sehr vermissen. Es ist hier vieles einfacher.

Hat Dir das deutsche Essen geschmeckt?

Tamari: Ja sehr. Mein Gastvater hat immer sehr gut gekocht. Und er wird mir noch ein Rezept mit Käse und Oliven geben.

„Sie hätte all diese Erfahrungen gar nicht machen und über den Tellerrand blicken können.”


Der demokratische Ansatz von AISEC hat mich interessiert, als ich um dieses Interview bat. Sehen Sie diesen hinter dem Austauschprogramm?

AIESEC Tamari Potsdam
Tamari mit ihrer Gastmutter Sabine und Gastbruder Nick in Potsdam (Foto: Tamari Shvelidze)

Sabine: Wir leben in einer globalen Welt und mit diesem Austausch können Freundschaften entstehen. Man entwickelt persönliche Beziehungen zu anderen Menschen und Ländern. Und das, denke ich, fördert diese Weltgemeinschaft und sicher auch eine demokratische Denkweise. Man vernetzt sich, Vorurteile können abgebaut werden und man begegnet sich auf einer menschlichen Ebene. Jemanden so annehmen und sein lassen können, wie er ist. So hatten wir zum Beispiel zwei Austauschschüler aus Taiwan hier. Die beiden waren einfach komplett anders. Aber man kann sie annehmen, wie sie sind. Ich fand es spannend zu erfahren, wie sie aufgewachsen sind und wie sie sich dann auch hier bewegen oder wie ihre Einstellungen sind. Ich kann die Menschen so sein lassen, wie sie sind und will sie nicht verändern, damit sie so werden, wie wir. Das haben auch meine Kinder gelernt. Deshalb finde ich so einen Austausch auch schon mit 16 spannend, weil das eine Phase bei jungen Menschen ist, in der sie über ihr Leben reflektieren, schauen, wo sie gerade stehen. Vielleicht wird auch das Elternhaus kritisch gesehen. Bei so einem Austausch lernen sie andere Lebensformen und Kulturen kennen. Sie verschaffen sich einen Überblick und können dann später entscheiden, wie und wohin ihr Lebensweg sie führen soll. Auch Tamari hat jetzt Erfahrungen machen können und vielleicht dadurch Ideen gesammelt, wie sie in Zukunft leben will. Sie hätte all diese Erfahrungen gar nicht machen und über den Tellerrand blicken können. Das, finde ich, ist ein riesengroßer Pluspunkt bei diesem ganzem Austauschprogramm.

Tamari: Durch dieses Austauschprojekt habe ich viele Leute aus verschiedenen Ländern kennengelernt, ansonsten habe ich ja nur über die Medien oder Internet etwas über sie erfahren.

Dadurch konntest Du Dir eine eigene Meinung bilden und Vorurteile abbauen.

Sabine: Genau, so auch, dass die Deutschen nicht immer pünktlich sind. (alle lachen)


„Wir leben in einer globalen Welt, und mit diesem Austausch können Freundschaften entstehen. Man entwickelt persönliche Beziehungen zu anderen Menschen und Ländern. Und das, denke ich, fördert diese Weltgemeinschaft und sicher auch eine demokratische Denkweise“


Wer Interesse hat, Gastfamilie zu werden, kann sich direkt per E-Mail mit dem Bielefelder AIESEC-Team in Verbindung setzen unter bielefeld@aiesec.de.