Thomas Wolff rezitiert einen Text von Bertolt Brecht während die anderen Künstler seinen Worten lauschen (Foto: Claudia Kohl; Kammermusik Haus Wellensiek)
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„Demokratie ist auch heute nicht selbstverständlich“

Zum Jahr der Demokratie

„Demokratie ist auch heute nicht selbstverständlich“

Konzertprojekt im Gymnasium Bethel: Erinnerungskultur lebendig halten

Von Simone Pomikalek

Claudia Kohl verantwortet die Kammermusikreihe im Haus Wellensiek. Gemeinsam mit ihren Musikerkollegen Sigurd Müller und Erika Ifflaender-Gehl hat sie ein Konzertprojekt für Schüler ins Leben gerufen, das Werke der Epoche um 1914 bis 1945 umfasst.

Die gelernte Konzertpianistin Claudia Kohl hat bereits viele Jahre Erfahrung als Pianistin und Veranstalterin von Events mit hochwertiger Kammermusik. Nun soll ein Projekt starten, das auch für sie eine Premiere ist.

Wie kam es zu dem Projekt?

Von links nach rechts: Sigurd Müller, Erika Ifflaender-Gehl, Claudia Kohl und Thomas Wolff (© Claudia Kohl; Kammermusik Haus Wellensiek)
Von links nach rechts: Sigurd Müller, Erika Ifflaender-Gehl, Claudia Kohl und Thomas Wolff (Foto: Claudia Kohl; Kammermusik Haus Wellensiek)

Es war tatsächlich das Ergebnis der Bundestagswahl 2017 mit dem Einzug der AfD in den Bundestag:  Künstler der Kammermusik wollten gemeinsam ein Projekt gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit begründen – mit den Mitteln der Musik. Bei diesem Projekt waren sich die Musiker schnell einig. Sie wollten einen Beitrag zu einer besseren Erinnerungskultur leisten. Eine große Konzertreihe sollte es werden. Der Auftakt sollte sie in die Schulen führen – eine Premiere für die Kammermusiker aus dem Haus Wellensiek.

Die Idee: Konzerte und Kunstgenuss als Mittel, die Erinnerung wach zu halten – und zwar an drei mit Bedacht ausgewählte Künstler, zwei Komponisten, einen Dichter: Maurice Ravel, Mieczyslaw Weinberg,  Bertolt Brecht.

„Wir gehen in die Schule(n)!“

Bisher hatten die monatlichen Konzerte der Kammermusik stets im Saal des Haus Wellensiek stattgefunden, der ein ehemaliger Kirchensaal ist. Testfall Gymnasium Bethel: „Für uns ist es das erste Mal, dass wir in einer Schulaula spielen“, so Claudia Kohl. Die Konzerte in den Schulen und zu den normalen Schulzeiten sollen den Schülern bestmöglich entgegenkommen. Sie hofft:  „Aus diesen ersten Konzerten kann dann mehr entstehen.“ Es ist geplant, die Konzerte nach Abschluss des Projekts an anderen Schulen fortzuführen.

Thomas Wolff rezitiert einen Text von Bertolt Brecht während die anderen Künstler seinen Worten lauschen (© Claudia Kohl; Kammermusik Haus Wellensiek)
Thomas Wolff rezitiert einen Text von Bertolt Brecht, während die anderen Künstler seinen Worten lauschen. (Foto: Claudia Kohl; Kammermusik Haus Wellensiek)

Schnell konnten die Musiker der Kammerspiele den Schauspieler Thomas Wolff vom Stadttheater Bielefeld für das Projekt begeistern, der sowieso von der Verbindung zwischen Kunst und Erinnerung überzeugt ist. Er wird Texte von Bertolt Brecht rezitieren. Der Begriff „Erinnerungskultur“ soll wörtlich genommen werden. Die wertvollen Werke, die die drei Künstler der Nachwelt hinterlassen haben, sollen dabei helfen Erinnerungen wieder aufleben zu lassen und nachzufühlen, was diese Menschen bewegt und angetrieben hatte.

Und was gibt es zu hören?

Im Zeitraum 1914 und 1945 geriet die Welt aus den Fugen. Der 1. Weltkrieg endete mit der deutschen Niederlage und dem Ende der Monarchie. Die Zwischenkriegszeit war die Geburtsstunde der Weimarer Republik und der ersten demokratischen Verfassung in Deutschland – um wenige Jahre später in die Machtergreifung Hitlers und damit in den Zivilisationsbruch des Naziregimes und den zweiten Weltkrieg zu münden.

1914 bis 1945: 31 Jahre und zwei Staatszusammenbrüche lagen dazwischen. Und eine Zeit seltener, kultureller Blüte. Die drei Künstler Ravel, Brecht und Weinberg markieren diese – von eruptiven Veränderungen geprägte – Zeit. Ravel schrieb kurz vor Ausbruch des 1. Weltkriegs sein einziges Klaviertrio; Brecht erreichte den Höhepunkt seines Schaffens in der kurzen, unruhigen Zwischenkriegszeit; Weinberg vollendete sein Klaviertrio nach 1945. Sein lange vergessenes Werk erlebt seit einigen Jahren eine weltweite Renaissance.

Die Konzertreihe verbindet die Klavierstücke der beiden Komponisten mit Rezitationen von Texten Bertolt Brechts.

„Demokratie ist auch heute nicht selbstverständlich“

„Mit diesen Konzerten und der Rezitation möchten wir bezwecken, dass die Schüler verstehen, dass Demokratie nicht selbstverständlich ist“, so Claudia Kohl. In der heutigen Zeit unserer sicheren Wohlstandsgesellschaft scheint Demokratie selbstverständlich geworden zu sein. Die Bundestagswahlen 2017 und rassistisch gefärbte Äußerungen im Netz sowie im Bundestag zeichneten aber ein anderes Bild. Deswegen möchten die Künstler der Kammermusik Haus Wellensiek sich gemeinsam mit Schüler*innen an die Zeit der beiden Weltkriege erinnern.

„Wie kann man Schüler*innen die bewegende Zeit von 1914-1945 näherbringen?“, fragte sich die Projektleiterin. Und welche neuen Wege kann man beschreiten, um Geschichte erlebbar zu machen, wenn es immer weniger noch lebende Zeitzeugen gibt? Durch die Werke der Zeitzeugen bleibt die Erinnerung lebendig – so liegt es für Kohl eindeutig auf der Hand – denn die Werke bleiben uns erhalten.

Der erste wichtige Künstler und Zeitzeuge ist Maurice Ravel. Kurz vor Ausbruch des 1. Weltkrieges schrieb der französische Komponist sein einziges Klaviertrio. In seiner Musik versteht Ravel es, die bewegte und unstete Stimmung vor dem 1. Weltkrieg auszudrücken. Sein Leben, in dem er zwischen Hoffnung auf Erfolg als Komponist und immer wieder harscher Kritik steht, sowie Zeiten politischer Aktivität, Krankheit und Krieg durchlebt, machen ihn zu einem interessanten Zeitzeugen der letzten Jahre vor dem 1. Weltkrieg. Sein bekanntestes Werk ist der „Bolero“, doch auch das Klaviertrio in A-Moll von 1914 besitzt bewegende Ausdruckskraft.

Der zweite Künstler ist der Schriftsteller Bertolt Brecht. Er ist einer der bedeutendsten Autoren der Arbeiterliteratur und aus dem Deutschunterricht kaum wegzudenken. Seine Werke sind in einem bis dahin nie dagewesenen Stil verfasst – der Neuen Sachlichkeit. Nicht zuletzt als Künstler wurde er beeinflusst durch seine Erlebnisse im 1. Weltkrieg. Brecht schuf viele beeindruckende und bis heute bedeutende Werke in Gedichtform, Drama oder als Theaterstück. Eines seiner bekanntesten Werke ist die „Dreigroschenoper“. Er schrieb über 2.500 Gedichte, von denen einige rezitiert werden sollen, so auch „Kinderkreuzzug 1939“, ein Gedicht, das das Schicksal verirrter Kriegswaisen in Polen beschreibt.

Konzertprobe: Die Künstler bereiten sich vor (© Claudia Kohl; Kammermusik Haus Wellensiek)
Konzertprobe: Die Künstler bereiten sich vor (Foto: Claudia Kohl; Kammermusik Haus Wellensiek)

Der dritte Künstler ist Mieczysław Weinberg. Er ist nicht so bekannt wie die ersten beiden Künstler, jedoch von ebenso herausragendem Talent. Als polnischer Jude, der 1939 aus Polen fliehen musste, erlitt er viele Repressalien. Seine Eltern und Geschwister wurden von den Nationalsozialisten ermordet. Sein Schicksal hat er in seiner Musik verarbeitet und zum Ausdruck gebracht. Umso beeindruckender sind seine Produktivität und künstlerische Vielfalt. Seine Werke sind mit denen von Maurice Ravel vergleichbar.

Die Künstler der Kammermusik hoffen mit diesem Konzertprojekt, die Schüler*innen zu erreichen und für die Themen der Demokratie zu sensibilisieren. „Wir wollen erinnern und zeigen, dass Demokratie nicht selbstverständlich ist“, so Kohl. Sie findet: „Die Sprache der Musik und der Kunst sind dafür das schönste Mittel.“

Wo es stattfindet: Gymnasium Bethel

Die erste Schule, an der die Konzerte stattfinden sollen, ist das Gymnasium Bethel. Dabei richtet sich das Projekt an Schülerinnen und Schüler der Oberstufe, die sich zuvor unterrichtübergreifend in den Fächern Musik, Deutsch und Geschichte mit dem Zeitraum 1914 bis 1945 auseinandergesetzt haben und dabei auch mit der Rolle von Zeitzeugen und Zeitgenossen.

Thomas Wolff rezitiert einen Auszug aus Brechts „Kinderkreuzzug“ (© Claudia Kohl; Kammermusik Haus Wellensiek)
Thomas Wolff rezitiert einen Auszug aus Brechts „Kinderkreuzzug“ (Foto: Claudia Kohl; Kammermusik Haus Wellensiek)

Die Künstler aus dem Haus Wellensiek hoffen, dass sie Schüler*innen dafür begeistern können, eine eigene Präsentation vorzubereiten, die sie im Rahmen eines Abschlusskonzertes in der Aula vortragen können. So könnte aus einem künstlerischen Vortrag ein interaktives Konzert werden.

Der erste Kontakt zum Gymnasium ist für die Kooperation zwischen Schule und Künstlergemeinschaft schon geknüpft. Die Zusammenarbeit mit den Musik-, Deutsch-, und Geschichtslehrern ist in Planung. Auch Konzerttermine sind für 2019 bereits geplant, standen bei Redaktionsschluss jedoch noch nicht fest.

Dafür sind schon zwei Termine im kommenden Jahr fix:  

Den 11.  Februar 2020 und den 15. März 2020 sollten sich Interessierte schon vormerken. Dann finden in der Schulaula des Gymnasiums Bethel Konzerte statt.

Die Künstler:
Claudia Kohl, Teil des Klaviertrios Kammermusik Bielefeld. Sie ist ausgebildete Konzertpianistin und Gründerin der Konzertreihe „Kammermusik Haus Wellensiek“. Seit 2013 gibt sie monatlich Konzerte mit wechselnder Besetzung im Haus Wellensiek

Sigurd Müller, erfahrener Orchestermusiker und seit 2013 als Cellist Teil des Trios L’Onda

Erika Ifflaender-Gehl spielt Violine und hat Erfahrung gesammelt bei den monatlichen Auftritten des Trios L’Onda und anderen musikalischen Projekten

Thomas Wolff, Schauspieler am Stadttheater Bielefeld, seit 2002 fest im Ensemble. Er stand in zahlreichen großen Rollen auf der Bühne.

Die Termine:
11.02.2020 | 15.03.2020

Künstler als Zeitzeugen / Zeitzeugnisse von 1914-1945:
Maurice Ravel – Das einzige Klaviertrio

Bertolt Brecht – Ausschnitte aus „Kinderkreuzzug“ und andere Texte

Mieczyslaw Weinberg – Klaviertrio op.24

Weiterführender Link: https://www.hauswellensiek.de/