Gleichschaltung im Sport: Wie konnte es dazu kommen? (Foto: Laura Bureck)
Jugend Bildung

Fußball im Nationalsozialismus

Zum Jahr der Demokratie

Fußball im Nationalsozialismus

Der DSC Arminia leistet vorbildliche Präventionsarbeit mit den Nachwuchsmannschaften

Von Stefanie Strunk

Laura Bureck ist Präventionsbeauftragte beim DSC Arminia. Ihre Aufgabe ist es, für Bewusstheit und Aufklärung innerhalb des Nachwuchsleistungszentrums zu sorgen, und so bietet sie jährlich Veranstaltungen mit den Jugendmannschaften an. Der Zuschuss der Stadt Bielefeld, den sie für ihre Arbeit erhalten hat, hilft ihr dabei: „Politische Bildung am Beispiel Fußball im Nationalsozialismus“ lautet der Titel des Aufklärungsprojekts.

Lesedauer: etwa 4 Minuten

Insgesamt gehören vier Veranstaltungen zu diesem Projekt: Die ersten beiden Veranstaltungen für die jungen Mannschaftsspieler der U15 (die Altersklasse der unter 15-jährigen), die letzteren für die U16.  Im ersten Teil beginnt die Sensibilisierung der Teilnehmenden mit einem Brainstorming zu der Thematik des Nationalsozialismus.

Biografie: Geschichte aus Geschichten lernen: Friedhelm Schäffer erzählt von Karl Demberg, Vereinsführer und SS-Hauptsturmführer (© Laura Bureck)
Biografie: Geschichte aus Geschichten lernen – Friedhelm Schäffer erzählt von Karl Demberg, Vereinsführer und SS-Hauptsturmführer (Foto: Laura Bureck)

Nach einer Einführung fahren sie zur Wewelsburg. Der Historiker und engagierte Arminia-Fan Friedhelm Schäffer wartet schon. „Fußball und Nationalsozialismus“ ist sein Thema, und nun hat er sich seinen eigenen Verein vorgenommen: Er erforscht die Geschichte des DSC Arminia im Nationalsozialismus. Schäffer legt den  jugendlichen Spielern Themen aus früheren Zeiten nahe. Zu sehen ist hier im Kreismuseum Wewelsburg die Ausstellung „Fußball im Nationalsozialismus – mehr als nur ein Spiel“, ein Angebot, das sich ausdrücklich an junge Fans richtet.

Ein dunkles Kapitel in der Vereinsgeschichte

Gemeinsam wird hinterfragt, welche Verbundenheit es damals mit dem Fußball gab. Welche Bedeutung hatte der Fußball? Welches Standing hatte Fußball früher?

Friedhelm Schäffer berichtet von dem linken Halbstürmer Josef „Seppl“ Hogenkamp. Er begann seine Karriere bei Arminia Bielefeld, war dort Mannschaftskapitän, doch musste er den Verein 1941 wechseln, weil er als Soldat an den neuen Stationierungsort Braunschweig einberufen wurde.

Gleichschaltung im Sport: Wie konnte es dazu kommen? (© Laura Bureck)
Gleichschaltung im Sport: Wie konnte es dazu kommen? (Foto: Laura Bureck)

Die Dauerausstellung in der Gedenkstätte Wewelsburg zeigt das Modell des Konzentrationslagers, das in Wewelsburg seit 1941 existiert hatte, daneben die von überlebenden Häftlingen überlassene Kleidung. So gewinnen die Jungs einen umfangreichen Eindruck aus der dunklen Ära ihres Sports, dessen Geschichte hier aufgearbeitet wird. Sie setzen sich mit Menschenfeindlichkeit auseinander und vergleichen die Situation mit der heutigen.

Man musste nicht Nazi sein, um Fußball zu spielen. Richtig: Wer als Jugendlicher Fußball im Verein spielen wollte, musste in der Hitlerjugend sein. Die Vereinsführung von Arminia Bielefeld hatte kein Problem damit. Im Gegenteil, man schloss sich dem Diktat der Gleichschaltung des Sports vorbehaltlos an.  Juden durften nicht mehr mitspielen.

Historiker Friedhelm Schäffer erzählt von Grünewald und Hesse, zwei Funktionären, Juden: Sie wurden aus dem Verein geworfen und erhielten Hausverbot. Fritz Grünewald, das ehemalige Vorstandsmitglied, musste sogar seine goldene Ehrennadel abgeben. Er starb im Warschauer Ghetto. Erst 2003 wurde ihm die Ehrung wieder zuerkannt; in Bielefeld gibt es heute mehrere „Stolpersteine“, die an die Familie Grünberg und Hesse erinnern. Auch der ehemalige DSC-Präsident Julius Hesse wurde ermordet.

Ergebnisse: Workshoppräsentation der U15-Fußballer (© Laura Bureck)
Ergebnisse: Workshoppräsentation der U15-Fußballer (Foto: Laura Bureck)

Demberg, seit 1933 NSDAP- und SS-Mitglied, war die schillerndste Figur bei der Arminia und damals die prägende Person des Vereins. Der ehemalige aktive Feldspieler wurde 1934 mit erst 28 Jahren Vereinsführer. Kurz davor erst, 1933, hatte der erste Vereinsführer Paul Fleege das Führerprinzip umgesetzt. Er setzte das Führerprinzip im Verein um. Mit Kriegsbeginn wurde Demberg zur Waffen-SS eingezogen, als SS- und Polizeirichter wurde er bis zum SS-Hauptsturmführer befördert. 1949 kehrte Demberg nach Bielefeld zurück und wurde „entnazifiziert“, erhielt wieder seine Zulassung als Rechtsanwalt und wurde beim DSC Arminia wieder freudig empfangen und aufgenommen.

Die jungen Kicker vergleichen ihn mit dem heutigen Präsidenten Hans Jürgen Laufer und suchen die Unterschiede heraus. Gibt es auch Gemeinsamkeiten? Zweifellos setzen sich beide für den Verein ein. In welchem  politischen System leben wir heute, was bedeutet es für uns? Eine Gruppenarbeit mit anschließender Ergebnispräsentation lädt alle zur Diskussion ein. Interessant ist die Betrachtung von aktuellen Werbebannern. Wem war klar, dass sie teilweise homophob und rassistisch gestaltet sind? „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, so lautet Artikel 1 unseres Grundgesetzes.

Aus der Geschichte lernen – auch im Sport

Es geht auch um moralische Aspekte, Diskussionsstoff für die Jugendlichen: Wer hat die Erfahrung gemacht, dass das Wort „Jude“ heute als Schimpfwort benutzt wird?

KZ-Modell: KZ-Modell in der Ausstellung – schwer vorstellbar für heutige Jugendliche (Foto: Laura Bureck)

Laura Bureck, die Präventionsbeauftragte beim DSC Arminia, ist dankbar für den Zuschuss von der Stadt, denn ohne ihn wäre die Fahrt der U15-Mannschaft(en) nicht möglich gewesen. Die  U16 ist dann im November dran. Auch wenn das Ganze einen leicht schulischen Charakter hat und nicht ganz so viel Spaß macht wie Fußball spielen, zieht Laura Bureck ein positives Fazit: „Die Jungs der U15 haben aktiv mitgemacht. Sie brachten tolle Beispiele aus ihrer Lebenswelt mit.“

Um daran anzuknüpfen und nachhaltig ein Demokratie-Bewusstsein zu schärfen finden jährlich Präventionsmaßnahmen mit den Mannschaften statt. Beispielsweise fährt die U19 im Dezember nach Bethel, um mit einer integrativen Sportgruppe zu trainieren. Auch hier ist das Ziel: Soziale Kompetenzen schulen und Begegnungen schaffen. Wie das bewerkstelligt werden soll? Ganz einfach: mit Fußball.

Informationen zum Projekt im Kreismuseum Wewelsburg :
https://www.wewelsburg.de/de/gedenkstaette-1933-1945/bildungsangebote/projekte/fussball-im-nationalsozialismus.php