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Wohnungslos in Bielefeld

Report

Wohnungslos in Bielefeld

Ein Besuch in einer städtischen Unterkunft für Männer

Von Reinhard Groẞmann

Die Gründe, warum Menschen wohnungslos werden, können sehr unterschiedlich sein. Wenn sie sich dann um eine neue Wohnung bemühen, können sie ebenfalls unterschiedliche Erfahrungen machen. Dieser Bericht handelt von den Erlebnissen von zwei Bürgern, mit denen ich im Aufenthaltsraum in der Unterkunft für Wohnungslose in der Kreuzstraße 5 in Bielefeld sprach.

  • Horst P. | Foto: Reinhard Großmann
Lesedauer: etwa 6 Minuten

„Er hat mein Zimmer leer geräumt“

Andreas Appelt wohnte zwei Jahre lang als Untermieter in einer Wohngemeinschaft in Bielefeld und arbeitete als Fahrer für ein Unternehmen, das Apotheken belieferte. Als er wegen zu schnellen Fahrens Führerschein und Arbeit verlor, tauschte der Hauptmieter plötzlich die Schlösser aus und ließ ihn nicht mehr in die Wohnung. Der Hauptmieter bezog Hartz IV und hatte beim Amt nicht angegeben, dass er einen zahlenden Untermieter hatte. Er befürchtete, dass das rauskommen würde, wenn Andreas ebenfalls Leistungen beantragt. Der Hauptmieter hatte in kürzester Zeit Andreas´ Zimmer komplett leer geräumt und alles verschenkt oder „entsorgt“. Er bestand nicht mehr darauf, in die Wohnung zurückzukehren.

Nach anfänglichem „Couchsurfen“ bei Bekannten sowie zwei kalten Februarnächten in einer Tiefgarage, wandte er sich an die Wohnungsnothilfe in Bielefeld. Andreas Appelt berichtet: „Die Frau hat gesagt, ich sei ja Bielefelder Bewohner und erhalte dann ein Appartement.“ Er konnte sofort ein Einzelzimmer mit eigener Dusche und Kochgelegenheit in der Kreuzstraße 5 beziehen. „Da ist mir erstmal eine riesen Last vom Herzen gefallen“, erzählt er.

„Das Jobcenter hat mir zunächst eine falsche zulässige Miete genannt“

Er berichtet, dass er sich sofort auf die Suche nach einer neuen Wohnung gemacht habe. Dabei sei ihm vom Jobcenter Brackwede im Februar zuerst ein falsche maximal zulässige Kaltmiete für die neue Wohnung genannt worden: „Dafür bekommt man keine Wohnung.“ Im Jobcenter an der Herforder Straße erfuhr er dann, dass eine Wohnung für eine Person 430 Euro mit Nebenkosten, ohne Heizung und Strom kosten dürfe.¹ Tatsächlich stand ihm als wohnungsloser Bielefelder sogar noch ein zehnprozentiger Aufschlag zu.

Andreas Appelt meint, es sei zu schaffen, eine neue Wohnung zu finden, wenn man Hilfe in Anspruch nimmt und selbst aus der Situation herauskommen will. „Das ist ja in den Grundrechten drin, dass jeder Person, die ein Dach über dem Kopf haben möchte, eine Wohnung zusteht.“² Ihm wurde gesagt, er könne sich bei der BGW (Bielefelder Gesellschaft für Wohnen und Immobiliendienstleistungen mbH) melden und sagen, dass er von der Kreuzstraße 5 käme. Die BGW (der das Haus gehört) würde dann in der Unterkunft anrufen und sich Informationen über die Person holen, beispielsweise ob das Zimmer sauber ist.

In der Unterkunft herrschen strenge Regeln

Andreas hatte zum Zeitpunkt des Gespräches bereits eine neue Wohnung gefunden und nach über einem halben Jahr nur noch wenige Tage in der Unterkunft vor sich. Zu den Regeln, die im dem Haus gelten, äußert er sich wie folgt: „Wenn ich frage, kann denn die Mutter meines Kindes einmal 15 Minuten hoch in mein Zimmer kommen, heißt es: ‚Das geht nicht.‘ – Das kann ich nicht nachvollziehen“.³ Sein ehemaliger Chef hat ihm in Aussicht gestellt, dass er wieder in seinem alten Job arbeiten könne. Allerdings fehlen Andreas Appelt noch etwa 1.000 Euro für die MPU (Begutachtung der Fahreignung), um seinen Führerschein wiederzubekommen. „Von 425 Euro monatlich vom Jobcenter ist schwer zu sparen“, sagt er.

Der Plan ist, zusammen zu wohnen

Horst P.*, mit dem ich ebenfalls im Aufenthaltsraum der Unterkunft sprach, hat ein ganz anderes Schicksal. Horst P. verfolgte das Ziel, mit seinem Freund zusammen zu wohnen. Deshalb wurde sein Wohnplatz in einer Einrichtung bei Oldenburg gekündigt. Weil sein Freund, der sich in Schleswig-Holstein aufhielt, in Bielefeld aufgewachsen war, trafen sie sich wenige Tage zuvor hier in Bielefeld und bekamen einen Notschlafplatz in der Unterkunft in der Kreuzstraße. Horst P. ließ, so wie ihm bei einer Beratungsstelle empfohlen wurde, den Wohnort in seinem Ausweis in „Bielefeld“ ändern. Beide sprachen umgehend bei verschiedenen sozialen Einrichtungen wie dem Quellenhof und dem Otto-Rietmüller-Haus vor, um eine Unterkunft zu erhalten – aber ohne Erfolg.

Die Enttäuschung ist groß

Eine Schwierigkeit lag darin, dass Horst P. und sein Freund unterschiedliche soziale Probleme haben und deshalb unterschiedliche Einrichtungen zuständig gewesen wären. Das Hauptproblem sieht Horst P. aber darin, dass für ihn ein anderer Kostenträger, nämlich sein Heimatort, zuständig4 sei. Er solle wieder dorthin zurück. Ob sein Freund in Bielefeld bleiben kann, wissen sie beide nicht. Der Freund sei hier zwar aufgewachsen, aber nicht geboren. Horst P. berichtet, er müsse bereits am nächsten Tag den Notschlafplatz räumen, da er sein Ziel, in Bielefeld zu bleiben, nicht erreicht habe und bei den Notschlafplätzen nur ein Aufenthalt von wenigen Tagen vorgesehen sei.

Auch sein Freund hatte sich zunächst für ein Interview bereit erklärt. Während des Gesprächs mit Andreas Appelt ging er aber, sehr enttäuscht wirkend, auf das Zimmer und kam nicht wieder zurück.

*Der vollständige Name ist der Redaktion bekannt.

Die Bereiche im Haus für Wohnungslose in der Kreuzstraße 5:

  • 3 Räume mit insgesamt 14 Notschlafplätzen, in denen der Wohnungslose 3 Tage bleiben kann.
  • Einen Raum mit zwei Betten für kalte Perioden im Winter, die „Warme Platte“.
  • 2 Räume mit je 6 Nachtschlafplätzen, in denen sich der Wohnungslose nur von 18 Uhr abends bis 8 Uhr morgens aufhalten darf. Hier sind Menschen untergebracht, die sich nicht an die Hausordnung gehalten haben oder sich nicht genügend um eine neue Wohnung bemühen sollen.
  • Einen Raum mit 4 Betten, der Wartebereich. Hier sind Wohnungslose unterbracht, die auf eine Aufnahme im stationären Wohnbereich warten und bei denen dafür noch die Frage der Kostenübernahme geklärt werden muss. In der Regel kann das 3 bis 4 Wochen dauern.
  • 35 Plätze im regulären Wohnbereich (29 Einzelzimmer und 3 Doppelzimmer), in denen sich die Wohnungslosen in der Regel bis zu 6 Monaten aufhalten können. Dieser Bereich ist Bielefeldern vorbehalten, die sich aktiv um eine neue Wohnung bemühen. Ein Bielefelder soll hierbei derjenige sein, der beispielsweise in Bielefeld geboren wurde oder hier zuletzt, vor seinem Wohnungsverlust, ein halbes Jahr seinen Lebensmittelpunkt hatte.

Die Bewohner werden, wenn sie dazu wirtschaftlich in der Lage sind, an den Unterbringungs-Kosten beteiligt.

Daten über das Haus: Klaus Wedepohl, Sozialarbeiter in der Unterkunft Kreuzstraße 5

Wohnungsmarktbericht der Stadt Bielefeld

Bereits 2016 stellte der Wohnungslosenhilfe-Bericht der Stadt fest: „Für Wohnungslose und von Wohnungslosigkeit bedrohte Haushalte ist der Verdrängungswettbewerb auf dem Wohnungsmarkt intensiver geworden.“ Schon vor einigen Jahren wurde in Bielefeld ein „Arbeitskreis für Personen mit besonderen Vermittlungshemmnissen“ gegründet.

Der neue Wohnungsmarktbericht 2018/2019 sagt: „Am Bielefelder Wohnungsmarkt herrscht seit Jahren hohe Marktanspannung.“


Anmerkungen des Autors

  1. Die angemessenen Kosten der Unterkunft für Arbeitslosengeld II-Berechtigte wurden Anfang 2019 deutlich angehoben. Basis ist jetzt nicht mehr die Kaltmiete, sondern eine „Bruttokaltmiete“. Laut der ab 1.1.2019 in Bielefeld geltenden Richtlinie darf die Bruttokaltmiete (mit Betriebskosten, ohne Heizung) für eine Person 430 Euro betragen. In Ausnahmefällen, zum Beispiel für Wohnungslose, die bereits eine eigene Wohnung in Bielefeld gehabt haben, zuzüglich eines Zuschlages von 10%. Vergleiche mit der Richtlinie für Bielefeld zu § 22 SGB II, Stand 1.1.2019, (Seite 3). Leistungsberechtigte, die 2018 einen Teil der Miete aus ihrem Regelsatz für den Lebensunterhalt bezahlt haben, können bis Ende 2019 einen Überprüfungsantrag stellen und eine Rückzahlung erhalten.

  2. Das „Menschenrecht auf Wohnen“ ergibt sich aus Artikel 25 der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ von 1948 und Artikel 11 des Internationalen Pakts über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte (ICESCR) von 1966. Es ergibt sich auch aus der Menschenwürdegarantie (Artikel 1 (1)) und dem Sozialstaatsprinzip (Artikel 20 (1)) des Grundgesetzes sowie der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichtes, das 2010 einen verfassungsrechtlichen Anspruch auf das Existenzminimum feststellte. Von verschiedener Seite wird gefordert, das „Menschenrecht auf Wohnen“ explizit ins Grundgesetz und die Landesverfassungen zu schreiben. Das erste „Global Goal“ fordert, Armut in all ihren Formen und überall zu beenden.

  3. Die Regel in der Hausordnung, die keinen Besuch auf den Zimmern erlaubt, wird mit einer Fürsorgepflicht für die Bewohner begründet. So soll die Möglichkeit zu Drogenhandel oder Prostitution unterbunden werden.

  4. Laut einem Rechtsgutachten (Seite 9 + 45) der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e. V. sind die Gemeinden für die Abwehr der von der Obdachlosigkeit drohenden Gefahren örtlich zuständig, in denen sich eine obdachlose Person tatsächlich aufhält und ihre Einweisung in eine Notunterkunft beantragt. Das sagt auch ein Urteil des Oberverwaltungsgerichtes Sachsen. In der Begründung (Absatz 5) heißt es: „Allerdings ist der Wille des Obdachlosen bei der Bestimmung seines Aufenthaltsortes zu beachten. Wählt er eine bestimmte Gemeinde als Ort seines gewöhnlichen Aufenthalts, dann ist diese Gemeinde im Regelfall verpflichtet, dem Obdachlosen eine Obdachlosenunterkunft zur Verfügung zu stellen.“ Möchte jemand in eine bestimmte soziale Einrichtung, kommt es auf den Einzelfall an, ob das möglich ist.