Bielefelder Elektronik-DJ-Szene
Bielefelder Stimmen

„Musik war schon immer politisch!“

Zum Jahr der Demokratie

Interview

„Musik war schon immer politisch!“

Ein Gespräch über tolerantes Tanzen, Open Airs ohne Security und die Kraft des Netzwerkens

Von Carola Kortfunke

Alexander Berning ist Lehramtsstudent und DJ. Gemeinsam mit Philipp Schröder und einer Gruppe DJs der Bielefelder Elektronikszene organisiert er Open Air-Veranstaltungen unter dem vielsagenden Titel „Tanz für Toleranz“.

Lesedauer: etwa 5 Minuten

Carola Kortfunke: Wie sehen Eure Veranstaltungen aus?

Alex Berning
Er will Lehrer werden, liebt elektronische Musik und arbeitet mit Geflüchteten: Der TfT-Organisator Alexander Berning (Foto: Carola Kortfunke)

Alexander Berning: Wir treten unter verschiedenen Mottos und im Rahmen verschiedener Veranstaltungen auf. Die beschäftigen sich mit Themen, von denen wir glauben, sie sollten in der Gesellschaft mehr Beachtung finden –  beispielsweise der Schutz von Minderheiten. Es ist eine Tanzveranstaltung für Leute, die sich mit diesen Wertvorstellungen identifizieren können. Da können sie Spaß haben, sich austauschen über Projekte, in denen sie arbeiten.

Du sprichst von verschiedenen Mottos. Ihr wart beim Christopher Street Day, habt eine Veranstaltung zum Welttag der Geflüchteten organisiert und ein Open Air als Gegenveranstaltung zur Solidaritätsdemonstration zum 90. Geburtstag der Holocaust-Leugnerin Ursula Haverbeck. Wie spiegeln sich diese Anlässe in den Events wider?

Berning: In der Musik – wir spielen nicht nur, was wir privat hören, sondern versuchen weltoffene Klänge mit einfließen zu lassen. Die übrige Situation ist sehr abhängig von den Partnern, mit denen wir zusammenarbeiten.

Wie wurden die Veranstaltungen angenommen?

WagenCSD Bielefeld
Beim Christopher Street Day in Bielefeld war der Tanz für Toleranz-Wagen besonders beliebt. (Foto: Darius Lange & Julia Groll)

Berning: Der CSD war sehr gut besucht. Von den circa 3.000 Besuchenden waren 700 bis 800 an unserem Wagen. Das hatte aber nicht unbedingt den Grund, dass die wussten ‚Das ist Tanz für Toleranz‚. Wir waren einfach der einzige Wagen, der elektronische Musik gespielt hat. Beim Welttag für Geflüchtete ist die Resonanz kleiner ausgefallen. Da hatten wir starke Konkurrenzveranstaltungen aus der elektronischen Szene und Probleme mit der Bewerbung. Die dritte Veranstaltung, unser eigenes Open Air, war ein voller Erfolg.

Plant Ihr die Reihe fortzusetzen?

Berning: Ja, allerdings wissen wir noch nicht in welchem Umfang. Gerade im Hinblick auf die finanziellen Mittel haben wir noch viele offene Fragen. Außerdem habe vor allem ich bemerkt, wie viel Zeitaufwand hinter der Organisation steckt. Es ist schwierig, dem neben meinem Studium gerecht zu werden.

„Eine Tanzveranstaltung gegen Ausgrenzung und Diskriminierung als Zeichen des demokratischen Grundgedankens“

Die aktuellen Fördergelder stammen aus der städtischen Projektförderung zum Jahr der Demokratie. Wo seht Ihr den Bezug einer Tanzveranstaltung zur Demokratie?

Berning:  Der demokratische Gedanke ist geprägt vom Mitbestimmungsrecht der Bürger und davon, dass sich Gruppen für etwas einsetzen. Auf diese Weise werden politische Themen in die Gesellschaft gebracht. Das hat Einfluss darauf, was besprochen und entschieden wird. Aktiv zu werden und öffentlich zu machen, wofür man steht, kann Veränderungen in der Gesellschaft anregen und Probleme aufzeigen. Eine Tanzveranstaltung, die sich klar gegen Ausgrenzung und Diskriminierung positioniert, ist Zeichen eines demokratischen Grundgedankens, wie eine Demonstration.

Wie demokratisch ist die Arbeit in Eurem Organisationsteam strukturiert?

Alexander Berning: Wir haben alle ein Mitbestimmungsrecht bezüglich der Richtung, in die wir gehen, vor allem der politischen Ausrichtung. Da gab es aber nie Probleme. Wir haben gleich gesagt, dass wir uns niemals zu radikalen Tendenzen leiten lassen – egal in welche Richtung – und auch, dass wir keine Kommerzialisierung wollen. Natürlich hatten Philipp und ich am Ende ein bisschen mehr Entscheidungsmacht, weil wir die Idee sowie den meisten Stress und größten Zeitaufwand mit der Planung hatten. Alles Wichtige haben wir aber in der Gruppe entschieden.

Ein Open Air ganz ohne Sicherheitspersonal – und ohne jegliche Zwischenfälle

Wie unterscheidet Ihr Euch von anderen Open Airs?

Open Air
Beim Open Air feiert ein bunt gemischtes Publikum friedlich und ausgelassen. (Foto: Darius Lange & Julia Groll)

Berning: Wir nehmen keinen Eintritt und versuchen niemanden vorzuschreiben, wie er zu kommen hat, ob er sich beispielsweise selbst verpflegt. Bei uns ist jeder willkommen. Beim Open Air waren viele Familien und Kinder da, nicht nur Leute, die die elektronische Szene feiern. Wir versuchen außerdem, das Gelände so offen und frei wie möglich zu gestalten. Wir glauben, dass wir dadurch eine Community schaffen, die sich mit Toleranz und Akzeptanz begegnet, deshalb haben wir zum Beispiel bei unserer letzten Veranstaltung auf Sicherheitspersonal verzichtet. Wir wollten zeigen, dass sich Menschen auch ohne eine Art Gewaltmonopol gut verstehen können.

Ganz schön mutig. Ist das gut gegangen?

Berning: Absolut, es gab keine Probleme, wirklich nicht einen einzigen Zwischenfall, keine Auseinandersetzung.

Habt Ihr es denn schon mal mit Gegenwehr zu tun gehabt?

Alexander Berning: Direkte Aktionen auf den Veranstaltungen gab es nicht, aber polarisierende Meinungen im Internet. Uns wurde beispielsweise vorgeworfen, Musik für politische Zwecke zu instrumentalisieren. Das fanden wir lächerlich, weil Musik unserer Meinung nach schon immer politisch war. Da muss man nur auf die Liedtexte achten.

„Eigentlich war ich nie besonders politisch“

Wie geht Ihr mit schwierigen Nachrichten oder Kommentaren um?

Berning: Wir versuchen, gar nicht darauf zu reagieren. Wir schätzen unsere Freiheit, nicht dafür angeprangert zu werden, was wir tun. Genauso werden wir auch keine Leute anprangern für das, was sie tun. Wenn es allerdings zu ernsthaft verletzenden oder beleidigenden Kommentaren kommen sollte, die auch strafrechtlich relevant wären, würden wir schon reagieren. Das war zum Glück noch nie der Fall.

Bielefelder Elektronik-DJ-Szene
Die Organisatoren stammen allesamt aus der Bielefelder Elektronik-DJ-Szene und legen bei den Events selbst auf. (Foto: Darius Lange & Julia Groll)

Was motiviert Dich persönlich, an der Planung der Events mitzuwirken?

Berning: Erstmal sammel ich einen unfassbaren Erfahrungsschatz über den Aufbau und das Gestalten einer Veranstaltung. Ich mache auch gerne Musik, aber, dass ich auflegen kann, ist hier nur das i-Tüpfelchen. Seit Beginn der Reihe ist es für mich vor allem die immer stärker werdende Verwischung von politischen Normen im Alltag, gerade durch rechte Tendenzen und Ausgrenzung. Eigentlich war ich nie besonders politisch. Auch im Hinblick darauf, dass ich später Politik in der Schule unterrichte, wollte ich mich politisch nie in eine bestimmte Richtung orientieren, um die Schüler nicht unnötig zu beeinflussen und objektiv zu bleiben. Im Zuge der Flüchtlingskrise und durch meine Arbeit mit Geflüchteten hatte ich aber irgendwann das Gefühl, aktiv werden zu müssen.

Was ist das Beste, was das Schlimmste an der Arbeit für Tanz für Toleranz?

Berning: Das Beste ist, wenn man am Ende dasteht, vor den Menschen spielt und sehen kann, dass man sie motiviert hat herzukommen und sich untereinander zu vernetzen. Das Schlimmste ist auf jeden Fall der Bürokratiekram, da kommt so viel zusammen, wirklich ätzend.

Zum Abschluss würde ich gerne noch wissen, was Ihr Euch für die Zukunft wünscht?

Berning: Im Hinblick auf unsere Veranstaltungen suchen wir noch immer einen festen Ort. Wir waren sehr abhängig von den verschiedenen Veranstaltungsorten, an denen wir spielen durften. Außerdem hoffen wir, dass wir einen Beitrag dazu leisten können, dass gemeinnützige Vereine enger zusammenarbeiten. Beim Open Air haben wir beispielsweise versucht, viele Vereine mit Infoständen einzuladen, sodass die Besucher sehen konnten, wie viel gemeinnützige Organisationen zu unserem Allgemeinwohl beitragen. Gleichzeitig konnten sich die Mitglieder kennenlernen, austauschen und über mögliche gemeinsame Projekte sprechen. Das wollen wir auch in Zukunft weiterverfolgen.

Anmerkung:
Nach eigenen Angaben ist Tanz für Toleranz eine „[u]nkommerzielle, elektronische Tanzveranstaltung zur Förderung von Toleranz, Gleichstellung, Gleichbehandlung und einem gerechten gesellschaftlichen Zusammenleben“. Das Organisationsteam besteht neben Alexander Berning und Philipp Schröder aus einer Reihe DJs der Bielefelder Elektronikszene. Es handelt sich nicht um einen eingetragenen Verein, sondern eher um eine Art Kollektiv, das sich für eben jene Tanzveranstaltungen zusammengetan hat. Dazu wurden die Schöpfer von anderen Veranstaltungen inspiriert, bei denen sich regionale und urbane Elektronikszenen gegen offen rechte Tendenzen und Ausgrenzung positioniert haben.