Zusammen leben

Das Bauhaus als Schule der Demokratie

Zum Jahr der Demokratie

Das Bauhaus als Schule der Demokratie

Wie das Museum Huelsmann mit Mitteln der Kunst ein besseres Miteinander vermitteln will

Von Carola Kortfunke

Am Rande des Ravensberger Parks mitten in der Bielefelder Innenstadt, in herrschaftlich aussehenden Altbauten, findet sich das Museum Huelsmann für Kunst und Design. Anlässlich des Jubiläums „100 Jahre Bauhaus“ widmet es dem Bielefelder Bauhauskünstler Wolfgang Tümpel eine Ausstellung. Seit Kurzem ist Kim Lempelius für Kommunikation und Museumspädagogik zuständig. Sie führt uns durch die Ausstellung, die sie um einen Workshop für Schulklassen ergänzen möchte.

  • „TchiboDose“: Ein Stück von Wolfgang Tümpels Designs fand sich im 20. Jahrhundert in zahlreichen deutschen Haushalten wieder: eine Tchibo-Kaffeedose | Foto: Carola Kortfunke

Lesedauer: etwa 3,5 Minuten

Die Ausstellung beginnt in einem Raum, der sich mit Tümpels Umwelt und dem Leben am Bauhaus beschäftigt. „Ich denke es ist wichtig, die Thematik zuerst in ihr historisches und soziales Umfeld einzuordnen“, erklärt Lempelius. Neben einer Biografie, einem Porträt und einigen Skizzen Tümpels soll das auch durch Fotos und Beschreibungen der am Bauhaus veranstalteten Feste gelingen. „Hier sieht man deutlich, was für ein persönliches und gleichberechtigtes Verhältnis zwischen Lernenden und Lehrenden am Bauhaus bestand.“ Das nehme sie gerne zum Anlass, um die Schulklassen ihr eigenes Schüler-Lehrer-Verhältnis hinterfragen zu lassen: „Es ist spannend, herauszufinden, wie die Schüler das heute sehen. Haben sie ein ähnlich offenes Verhältnis zum Lehrpersonal? Würden sie mit ihnen überhaupt auf eine Feier gehen wollen?“

Die Ausstellung

Das Bauhaus verbindet ein Leben lang

Wolfgang Tümpel

Bielefelder Silberschmied und Metallgestalter

bis zum 14.06.2020 im Museum Huelsmann.

Je nach Alter und Bedarf der Klassen variiert Lempelius die Führungs- und Workshopdauer zwischen 90 und 250 Minuten. Auch die Einführung in die Thematik erfolge je nach Alters- und Wissensstufe unterschiedlich. Teilweise beginne sie mit sehr grundsätzlichen Fragen zum Verständnis des Zusammenlebens und -arbeitens, teilweise gehe sie aber auch detaillierter auf die historischen Besonderheiten der Weimarer Republik ein: „Wir versuchen am Beispiel Bauhaus deutlich zu machen, welche starken Auswirkungen demokratische Strukturen auf die Ebenen der Institutionen, Organisationen und vor allem des täglichen Lebens haben.“

Demokratische Strukturen als Basis für ein demokratisches Miteinander

„Im Idealfall können wir so zeigen, dass eine demokratische Politik die Basis für ein offenes und gleichberechtigtes Miteinander auch in der Schule, der Öffentlichkeit, eben im Alltag ist.“ Auf diese Weise wolle sie die Themen der Demokratie weniger abstrakt und gerade für die Schüler*innen greifbarer machen, die sich sonst von der Komplexität der Politik abgeschreckt und wenig berührt fühlten: „Ich hoffe, so lernen sie, dass politische Strukturen einen enormen Einfluss darauf haben, wer da unterrichtet, welche Inhalte vermittelt werden und wer überhaupt eine Schule besuchen darf.“

Das Bauhaus war eine deutsche Kunsthochschule, die sich gerade zur Zeit der Weimarer Republik als Wiege der Innovation weltweit einen Namen machte. Das lag zum einen an den progressiven Verbindungen künstlerischer Disziplinen und der Rückbesinnung auf klare, einfache Formen und Farben in gleichzeitig neu und ungewöhnlich wirkenden Kreationen. Aber auch die demokratischen Strukturen und flachen Hierarchien der vor 100 Jahren gegründeten Hochschule gelten bis heute als zukunftsweisend.

Bei aller Fortschrittlichkeit fehlte doch die Geschlechtergleichberechtigung

Lempelius ist es aber ebenso wichtig, auch kritische Aspekte des Bauhaus‘ mitaufzunehmen. So sei die Schule bei aller Progressivität doch kein Ort der Geschlechtergleichberechtigung gewesen. „Ich frage gerne in die Runde, wo man in der Ausstellung Frauen sehen kann“, erzählt Lempelius. Dabei werde schnell klar, dass sie sich –  außer als Models –  für die von Männern designten Schmuckstücke kaum wiederfänden: „Das Bauhaus hat zwar Frauen akzeptiert, das hat sich bis auf wenige Ausnahmen aber auf die Textilwerkstätten beschränkt. Auch Wolfgang Tümpel hatte viele männliche, aber im Grunde keine weiblichen Künstlerfreundinnen.“

Wolfgang Tümpel selbst war Silberschmied, Metallgestalter und Industriedesigner. Sein Werk reicht von edlen Schmuckstücken über wertvollen Kirchenschmuck bis hin zu Schreibtischlampen und der wohl bekanntesten Tchibo-Kaffeedose des 20. Jahrhunderts. Er wurde maßgeblich am staatlichen Bauhaus in Weimar geprägt, stammt gebürtig jedoch aus Bielefeld, wohin er später auch zeitweise zurückkehrte.

In den weiteren Räumen der Ausstellung finden sich zahlreiche Skizzen Tümpels, einige Stücke seines Produktdesigns, wie die berühmte Tchibo-Dose, Kirchensilber und Schmuckstücke. Auch die Bielefelder „Bürgermeisterkette“ stammt aus der Hand Tümpels und lässt sich im Museum Huelsmann bewundern. Ein weiteres besonderes Stück ist eine Taufschale, die der Künstler Jahre nach seiner Zeit am Bauhaus gemeinsam mit seinem dortigen Lehrer Gerhard Marcks anfertigte – ein Zeichen der ungewöhnlich innigen Beziehungen, die am Bauhaus entstehen konnten.

Gleichberechtigtes Arbeiten als Herausforderung und Chance

Für den Besuch der Schulklassen ist im Anschluss an die Führung, die vor allem theoretisch und inhaltlich einführen und zum Reflektieren anregen soll, der Workshop geplant. In Dreier- oder Vierergruppen werden zunächst Rollen gelost und verteilt – wer ist zuständig für Architektur, Möbelgestaltung, Gemälde und so weiter. Dann sollen die Gruppen auf Plakaten und mit dem begrenzten Einsatz von Farben und Formen ihren eigenen Klassenraum gestalten.

„Sie sollen praktisch ausprobieren und nachempfinden, wie gleichberechtigtes Arbeiten funktionieren kann. Jeder hat die Verantwortung für einen bestimmten Bereich, aber das Endergebnis stimmt nur dann, wenn alles zusammenpasst.“ Lempelius geht es darum, die Klassen nachfühlen zu lassen, wie es wohl war, am Bauhaus zu arbeiten und welche Schwierigkeiten das Zusammentreffen der unterschiedlichen Disziplinen und Charaktere mit sich bringen kann, aber auch welchen Gewinn dies für das praktische Ergebnis und die persönlichen Beziehungen bedeuten kann – eine kreative Auseinandersetzung mit lebensnahen und doch besonderen demokratischen Strukturen.