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Zwischen Wohnsinn und Wohnwahnsinn

Zum Jahr der Demokratie

Wohnen darf nicht Ware sein

Zwischen Wohnsinn und Wohnwahnsinn

„Zuhause für jeden?!“ – die Volxperformance der Theaterwerkstatt Bethel mischt sich ein

Von Mariya Zhovnovska

Wo wohne ich? Welche Wohnrechte habe ich? Wie frei bin ich, meinen eigenen Wohnraum zu gestalten? Brauche ich ein Smart Home? Wie verändert sich die Wohnsituation in meinem Stadtteil? Diese und viele andere Fragen stellen wir uns täglich – und sie führen zu weiteren: Wem gehört eigentlich die Stadt? Wer kann die steigenden Mietpreise noch bezahlen? Das Spannungsfeld zwischen „Wohnsinn und Wohnwahnsinn“ lotet die Theaterwerkstatt Bethel mit ihrer Performance „Zuhause für jeden?!“ aus.

  • Die „Indoor-Generation“. Die Szene bezieht sich auf eine Velux-Kampagne. Der Fensterhersteller setzt sich kritisch mit dem Phänomen auseinander, dass die Menschen ca. „90 Prozent ihrer Zeit in Innenräumen verbringen“ (https://www.velux.de/indoorgeneration) | Foto: Matthias Gräßlin

Menschen aus unterschiedlichsten Lebenssituationen, Herkünften und Generationen sind Gestalter*innen und auch Darsteller*innen. Sie wollen auf künstlerische Weise auf das Thema „Wohnraum“ hinweisen. Die Performance will kein traditionelles Kunstwerk sein, kein klassisches Theater, welches ein wohlgestaltetes Stück auf die Bühne bringt.

Das Projekt folgt inklusiven Zielen und hat deshalb unter anderem Menschen mit Migrationsgeschichte, Fluchterfahrungen, Wohnungslose und Wohnungssuchende angesprochen und eingeladen, die Performance zu gestalten. Insgesamt zehn bis zu 15 Teilnehmende im Alter von 16 bis 75 Jahren machen bei den verschiedenen Aktionen und öffentlichen Interventionen mit. Die Darsteller*innen sind keine professionellen Schauspieler*innen; es sind Amateure aus Leidenschaft. Unter der Leitung von Laura Kreutz, Mitja Brinkkötter und Nicole Zielke versteht sich die Volxperformance der Theaterwerkstatt Bethel als offenes Ensemble, bei dem jede interessierte Person mitspielen darf.

Und so unterscheidet sich auch die künstlerische Darbietung deutlich von üblichen Bühnenvorstellungen: Die Stücke werden in öffentlichen Räumen gezeigt, beziehen sich auf konkrete Schwerpunkte und orientieren sich an der Interaktion der Darstellenden, auch mit dem Publikum. Die künstlerische, inhaltliche Gestaltung der Volxperformance variiert – je nach Räumlichkeit und Publikum. Choreografie, Szenen und Themen werden immer wieder angepasst.

Was hat die Volxperformance mit Demokratie zu tun?

Die Darstellenden zeigen in vielen kleinen Szenen, was ein Zuhause eigentlich ist und was es für uns bedeutet, welche Vor- und Nachteile die „mitdenkenden Wohnungen“ (Smart Homes) haben und ob in der Gesellschaft eine „Indoor-Generation“ heranwächst, die nicht mehr viel nach draußen kommt und ihre Zeit zunehmend in den eigenen vier Wänden verbringt.

Die Themen, die Herangehensweise und die künstlerische Umsetzung wurden im Kollektiv entwickelt. Jugendliche kamen im Projekt mit Erwachsenen zusammen, mit entsprechenden Unterschieden an Erfahrungen und Meinungen. Zugleich ist es ein forschendes Projekt: Es wurde viel recherchiert, Gespräche unter anderem mit Menschen ohne Obdach und von Obdachlosigkeit Bedrohten geführt. Die „Bezahlbarkeit“ von Wohnraum ist ein aktuelles Thema, das viele umtreibt. Das Theaterstück berührt dabei nicht nur die Wohnungsproblematik sozialbedürftiger Menschen, sondern fragt nach den Gemeinsamkeiten und Unterschieden der Wohnraumgestaltung entlang verschiedener Schichten und Lebenshintergründe.

„Zuhause für jeden?!“ ist kein Aufklärungsstück, das belehrt oder Informationen rund um Wohnraumentwicklung vermitteln will. Es ist eine künstlerische Auseinandersetzung mit einem Thema, das vielen unter den Nägeln brennt. Das rund zwanzigminütige Theaterstück „Zuhause für jeden?!“ entstand im Rahmen des Jahres der Demokratie und wird noch bis Ende November 2019 an unterschiedlichen Orten in Bielefeld gezeigt.

Mehr Informationen zur Theaterwerkstatt Bethel


Beitrag zur Dokumentation der Stadt Bielefeld 14

Theaterwerkstatt Bethel

Projekt : Wohnen darf nicht Ware sein – Ein Theaterprojekt, das sich einmischt