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Entschleunigt euch!

Interview

Entschleunigt euch!

Was ist das eigentlich – die öffentliche Meinung? Und was bedeutet sie in der Demokratie? Ein Gespräch über einen schwierigen Begriff

Der Begriff der öffentlichen Meinung taucht immer wieder auf, wenn es um politische Kommunikation in der demokratischen Gesellschaft geht – auch, weil immer wieder von einer Spaltung der Gesellschaft und einer Polarisierung im politischen Diskurs die Rede ist.

Was verbirgt sich hinter dem Begriff der öffentlichen Meinung? Welche Rolle spielt sie für die demokratische Gesellschaft? Und wie ist es wirklich um den gesellschaftlichen Diskurs bestellt, der immer wieder in der Krise stecken soll?

ZWANZIGG hat dazu den Bielefelder Mediensoziologen Florian Muhle befragt. Er forscht an der Universität Bielefeld unter anderem zu politischer Öffentlichkeit und zu neuen Formen der politischen Öffentlichkeit.

Unser Redaktionsmitglied Tobias Tönsfeuerborn sprach mit Florian Muhle, Mediensoziologe an der Uni Bielefeld

Lesedauer: etwa 4 Minuten

Tobias Tönsfeuerborn: Der Begriff der öffentlichen Meinung taucht immer wieder in Diskussionen auf, gerade weil in letzter Zeit auch immer wieder über Polarisierung im Diskurs und einer Spaltung der Gesellschaft gesprochen wird. Gibt es vor diesem Hintergrund überhaupt so etwas wie eine öffentliche Meinung?

Foto: Florian Muhle

Florian Muhle: Zumindest gibt es aus soziologischer Perspektive ein Konstrukt der öffentlichen Meinung. Das ist das, was wir in Meinungsumfragen in den Medien sehen. Das ist öffentliche Meinung, die kommuniziert wird. Das muss man natürlich von der Summe der Einzelmeinungen der Menschen in Deutschland unterscheiden. Manche ForscherInnen unterscheiden außerdem zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung, um deutlich zu machen, dass die Inhalte in den Medien nicht unbedingt dem entsprechen, was die Leute tatsächlich denken.

Sie haben schon von den Meinungsumfragen gesprochen, in denen es ja darum geht, Mehrheiten abzubilden. Inwieweit ist öffentliche Meinung dahingehend demokratisch oder als Mehrheitsmeinung aufzufassen?

Muhle: Öffentliche Meinung oder ihre Darstellung ist ein zentrales Element für die Demokratie. Denn demokratische Prozesse sollen ja zurückgebunden werden an die Meinung und den Willen der Bürgerinnen und Bürger. Und damit das nicht nur einmal in vier Jahren zur Bundestagswahl, sondern auch laufend passieren kann, ist öffentliche Meinung eine Art Feedback für die Politik um eben zu sehen, wie eigentlich die politische Meinung in der Bevölkerung aussieht. Allerdings ist sie gleichzeitig auch ein problematisches Element der Demokratie, weil sie eine enorme Komplexitätsreduktion ist. Man erfährt sie in sehr reduzierten Zahlen, die natürlich nicht die komplexen Denkweisen in der Bevölkerung ausdrücken können. Für die Politik ist öffentliche Meinung aber eine notwendige Vereinfachung, um die Gesellschaft beobachten zu können.

Ohne diese vereinfachte öffentliche Meinung gibt es also auch keine funktionierende Demokratie?

Muhle: Zumindest nicht so, wie wir sie kennen. Es wäre prinzipiell natürlich denkbar, dass es so etwas gibt: Dass alle vier Jahre gewählt würde und in der Zwischenzeit keinerlei öffentlicher Diskurs stattfände. Aber in der heutigen Gesellschaft und mit Blick auf die Herausbildung von Demokratie ist das natürlich nicht realistisch.

Unter anderem wird mit Blick auf den öffentlichen Diskurs in letzter Zeit nun immer wieder kritisiert, dass man nicht mehr alles sagen dürfe und der Diskurs damit Probleme bekomme. Wie wichtig ist es, dass der Diskurs für möglichst viele oder sogar alle Äußerungen offen ist?

Muhle: Grundsätzlich sollte natürlich gelten, dass jede Form der politischen Meinungsäußerung auch getätigt werden kann. Zensur ist ein Problem vordemokratischer Gesellschaften und die Idee einer Öffentlichkeit steht der Idee von Zensur und Geheimhaltung diametral entgegen. Aber man muss natürlich unterscheiden zwischen den Inhalten und dem Modus, also wie etwas gesagt wird. Für demokratische Prozesse ist es dabei zentral, dass sich die KontrahentInnen gegenseitig anerkennen. Sie haben zwar unterschiedliche Meinungen, die sie – idealerweise begründet – vertreten, dabei erkennen Sie sich aber als Personen an. Das heißt, der anderen Person wird die Legitimität ihrer Position nicht abgesprochen. Wenn das nicht mehr erfolgt und es dann zum Beispiel zu Hasssprache kommt, dann ist das natürlich etwas, das den Diskurs vergiftet.

Thema in der Diskussion um den modernen Diskurs ist auch immer wieder das Internet als mittlerweile nicht mehr ganz so neues Medium. Was verändert sich mit den neueren Formen der Kommunikation im Internet auch in Bezug auf die öffentliche Meinung?

Muhle: Mit dem Internet treten Möglichkeiten hinzu, dass Meinungen von Bürgerinnen und Bürgern deutlicher zutage treten und sichtbarer werden. Vorher ging das nur durch den Filter der Massenmedien. Jetzt ist es möglich, dass jeder und jede in sozialen Medien die eigene Meinung kundtun kann. Das wiederum kann mittels Verdatung wieder zusammengefügt werden, sodass neue Medien darstellen können, welche Meinungen in der Bevölkerung kursieren. Gleichzeitig ist das aber auch ein Problem, weil die Filter der Massenmedien hier nicht mehr wirken. Damit wird nicht mehr überprüft, ob jemand ein legitimer Sprecher oder eine legitime Sprecherin ist, und wir kommen zur Frage der Manipulation. Das gab es in den letzten Wahlkämpfen, dass Social Bots oder Trollarmeen eingesetzt worden sind, um den Diskurs zu manipulieren. Und wenn das nicht herausgefiltert wird, dann ist das ein Problem.

In erster Linie ist Sachlichkeit wichtig.“

Stellt das Internet dann eher eine Lösung oder Chance, oder eher ein Problem für die öffentliche Meinung dar?

Muhle: In der Wissenschaft sind die Dinge meistens ambivalent und selten eindeutig. Aber natürlich bietet das Internet tatsächlich gute Möglichkeiten für Dialoge im öffentlichen Diskurs. Allerdings ist gleichzeitig auch zu erkennen, dass genau das aber eben nicht passiert, dass in sozialen Medien auch eher die Tendenz überwiegt, dass nicht Sach-, sondern Sozialkonflikte bis hin zur Delegitimierung des Anderen überwiegen. Das ist also ein großes Problem und auch die Möglichkeiten der Manipulation sind problematisch. Das alles ist aber kein Grund, die neuen Medien oder das Internet zu verteufeln. Man könnte auch anders herum wieder sagen, dass dann Politik und die klassischen Medien wieder gefragt sind, vielleicht ein bisschen genauer hinzuschauen, was da eigentlich passiert.

Sie forschen zum Thema Internet und öffentliche Meinung, was ist Ihr Eindruck vom Klima im öffentlichen Diskurs?

Muhle: Ich glaube, man muss da differenzieren. Auf der einen Seite gibt es natürlich die Eindrücke, dass die Qualität sinkt und das Klima rauer wird. Dazu gibt es auch empirische Untersuchungen, die so etwas feststellen. Gleichzeitig muss aber festgehalten werden, dass die Mehrheit der Diskurse nach wie vor eine gute Qualität hat, etwa Hasssprache tatsächlich nur in geringem Ausmaß vorkommt und dann wohl meistens exponierte Personen betrifft. Insgesamt finden aber beispielsweise auf Twitter zwar keine komplexen Diskussionen statt, doch es ist auch nicht so, dass die Leute sich nur wechselseitig beleidigen. Dass ein anderer Eindruck vorherrscht, liegt in der Logik der Massenmedien, die vor allem auf das schauen, was skandalös ist.

Was müssen wir tun, um unseren Diskurs fruchtbar zu halten und um eben einen guten Diskurs zu führen?

Muhle: In erster Linie ist Sachlichkeit wichtig. Konflikte an sich sind nicht schlecht, sie sollten aber sachlich geführt werden und nicht auf persönlicher Ebene. Und dann braucht es für politische Diskussion und öffentliche Meinungsbildung Zeit. Es ist zwar unwahrscheinlich, weil die Bewegung momentan in genau die andere Richtung geht, aber Entschleunigung wäre nicht schlecht. Es braucht mehr Zeit für die Auseinandersetzung mit Argumenten und der Position anderer. Das ist wichtig für die öffentliche Meinung und auch für alle, die sie professionell beobachten. Und da sollte man nicht jeden Tag hinter jeder Umfrage hinterherlaufen, sondern auch ein bisschen Distanz und Zeit lassen.

Ihr Appell an die Öffentlichkeit in zwei, drei Sätzen?

Muhle: Entschleunigt euch! – Vielleicht so.